2. Tim 1,7-10 Predigt
Flachslanden 20.9. 26 16. Sonntag nach Trinitatis
7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Darum schäme
dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. 9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluß und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein
unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
Liebe Gemeinde
Während ich diese Predigt schreibe, sind gerade die Wahlen in Sachsen Anhalt gewesen. Die AFD hat fast die absolute Mehrheit. Es mehr als ein Sieg der Rechtsextremen. Keiner weiß wie es ausgehen wird. Finstere Zeiten künden sich an. Manche schreiben als Kommentar: Ich habe Angst.
Es kann einem auch Angst und Bange werden.
Auch vor 2000 Jahren war es den Menschen angst und bange.
Zugegeben. Die Forschung ist sich heute nicht mehr sicher, ob der 1. Timotheusbrief tatsächlich noch von Paulus geschrieben worden ist, oder ob er eher aus seinem Umfeld stammt: unter Umständen sogar schon nach dem Tod des Paulus geschrieben. Die Verfasser versetzen sich ganz in Paulus hinein, so sehr, dass man ihn über Jahrhunderte noch dem großen Völkerapostel zugeschrieben hat. Die Schreiber jedenfalls sehen Paulus im Gefängnis. Dort denkt er über seine Lage nach. Wie ist es dazu gekommen? Wieso liegt er schon wieder im Gefängnis? Das Ganze hat mit Gott zu tun. Und mit Gottes Plan für die Welt. In diesem Plan – das ist inzwischen offenbar geworden – spielt Christus die entscheidende Rolle. Aber was das Kommen Christi in die Welt bewirken sollte, das ist immer noch nicht ganz Wirklichkeit geworden. Noch ist das Reich Gottes nicht da. Noch ist der Auferstandene nicht wiedergekommen vom Himmel. Noch seufzt und ächzt die ganze Schöpfung unter der Sünde der Menschheit5 . Das Leiden der Welt und sein eigenes Leiden sind für den Apostel die Vorboten des Kommens Christi. Bald wird sich alles auflösen.
Die Schreiber des 1. Timotheusbrief hätten sich nicht für die Zukunftsängste und Zukunftshoffnungen eines Paulus interessiert, wenn sie nicht selber Ängste und Hoffnungen gehabt hätten.
Viele Christen schon inzwischen schon wegen ihres Glaubens gestorben. Das Christentum hat sich zwar über weite Teile des römischen Weltreichs ausgebreitet, aber gemessen am Ganzen ist es eine winzige Minderheit geblieben. Kleine Gemeinden, die man kaum ernst nimmt, oder die schon verfolgt und bedroht werden, oder die unter sich zerstritten sind.
Kein Wunder, dass viele Christen damals unsicher in die Zukunft schauten: Wie soll das mit uns weitergehen? Was wird aus uns werden? Es kann uns manchmal angst und bange werden.
In diese Situation hinein hören wir die Worte aus dem 1, Timotheusbrief. Ich liebe die Formulierungen Martin Luthers in der Lutherbibel:
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!
„Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unseren Herrn!“ Ich schäme mich, wie oft ich mich in meinen Leben schon geschämt habe, zu diesem Herrn zu gehören. Zu einer Christengemeinschaft zu gehören, die immer kleiner und unbedeutender wird.
Was hilft uns gegen die Scham? Was hilft uns zum mutigen Zeugnis, zum furchtlosen Bekenntnis? So seltsam das jetzt klingt, ich antworte: Indem man sich einfach traut! Man muss sich einfach mal trauen, gegen den Strom zu schwimmen, gegen alle inneren Widerstände, gegen alle Ängste.
Und es geht! ,,Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft.“
Soweit so gut. Doch könnte man einwenden: Gibt es nicht auch genug Gründe, dass wir uns des Glaubens schämen müssen. Nicht weil wir nicht genug glauben oder den Mund nicht aufmachen, sondern weil der Gottesglaube selber zur Debatte steht?
Manchmal stelle ich den Glauben selbst unwillkürlich in Frage. Als das Massaker an Kindern in Besran geschehen war oder wenn sonst schlimme Ereignisse in der Welt passieren: Da frage ich mich unwillkürlich: Gott, warum lässt du das zu, dass Menschen so böse sein können? Ich frage mich dann erschüttert: Verändert der Glaube wirklich den Menschen oder bleibt letztlich alles wie gehabt?
Ich muss zugeben, dass ich zu bestimmten Gelegenheiten plötzlich innerlich ganz klein und verzagt werde und mich ängstlich eines frage: „Ja, kommt denn der Glaube an Gott heutzutage bei den Menschen überhaupt noch richtig an? Diese Verzagtheit packt mich nicht nur dann, wenn ich merke, die Leute hören gar nicht mehr zu; der liebe Gott interessiert sie nicht. Oder sie verstehen immer noch nicht, dass der liebe Gott anders ist, als sie sich fürchten und komisch glauben.
Diese Verzagtheit packt mich auch dann, wenn ich sehe: Mensch, die Leute haben doch ihre ganz eigenen Ängste und Sorgen. Und du willst da mit dem lieben Gott kommen!
Die Zukunftsängste der Menschen sind doch wahrhaft groß:
Die Klimaveränderung bleibt als Faktum, mag sie noch so verleugnet werden. Kriege und Gewalt wird es immer geben
. Und du redest vom Gottvertrauen?
Ich spüre den Geist der Furcht,wenn ich mir klar mache,
wie gefährdet unsere unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sind, wie schnell man auseinandergelebt hat.
Aber Gott hat uns den Geist der Liebe gegen!
Ich begegne dem Geist der Furcht mehr denn je auf alte Menschen. Sie haben Angst ins Alterheim zu kommen. Meine Mutter liegt im Heim. Ich weiß, vielleicht trifft es m ich auch einmal, dass ich pflegebedüftig werde. Wir alle fürchten letztlich den Tod. Aber ich spüre, wie Gottvertrauen in uns Menschen wachsen kann.
Und dann sehe ich die Menschen vor mir, denen ein lieber Angehöriger einfach weggestorben ist: Ein Unfall und blühendes Leben ist geknickt. Ein Sekundentod und der Mensch, den sie noch gebraucht hätten, ist nicht mehr. Der Geist Gottes schenke uns Kraft, das zu bewältigen.
Oder ein ewiger, zäher Kampf ums Sterbendürfen und die Angehörigen mussten hilflos dabei zusehen. Der Geist Gottes kann uns Kraft geben und die Besonnenheit, Dinge anzunehmen, die man nicht ändern kann.
Wenn wir Menschen, aus welchen Gründen auch immer verzagt sind und kleinmütig,
hören wir wie damals die ersten Hörer
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit
Der Gott, mit dem wir zu tun haben, auf den wir ja auch gesetzt haben, der hat euch nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft. Dynamis steht dafür im griechischen Neuen Testament. Dynamik und Dynamit sind davon hergeleitet. D.h. Im Gottesglauben, im Gottvertrauen stecken gewaltige Kräfte da drin. Sie müssen nur geweckt werden. Der Glaube kann Berge versetzen. Das ist wahr. Manchmal erfahren wir dies: Die Sorgenberge, die so unverrückbar schienen, konnten weggeschoben werden, einfach so, weil uns Kräfte zugewachsen sind, die nicht unsere Kräfte sind, sondern Gottes Kräfte.
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Liebe! Agape steht dafür im Urtext. Es ist die selbstlose Liebe, die Jesus ans Kreuz gehen ließ. In unserem Glauben steckt genau diese Agapeliebe, die uns selbstlos werden lässt, die uns über unseren eigenen Schatten springen lässt. Und ich glaube, jeder von uns ist schon einmal von dieser selbstlosen Liebe angesteckt geworden.
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Besonnenheit! Ein anderes Wort dafür : Nüchternheit. Realitätssinn. Der Glaube an Gott macht uns nüchtern und realistisch.
Maßvoll sein
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit
Den Geist der Furcht kennen wir nur zu gut, den Geist der Kraft, der Liebe, der Besonnenheit können wir einüben.
Eines kann man noch sagen, was über diesen einen Satz hinausgeht.
Oft fühlen wir uns ja mit unseren Nöten und Leiden ziemlich allein.
Man spricht kaum noch über diese Dinge.
Und so meinen viele, nur sie trifft der Krebs, nur sie trifft die Arbeitslosigkeit,
nur sie haben ein schweres Los zu tragen.
Wenn man dann mit der Zeit auch andere trifft
mit denselben Problemen, mit denselben Nöten,
dann wird das eigene Leiden schon leichter.
„Ach guck mal, meine Bekannte hat das auch.
Hätte ich nicht gedacht. Die war doch immer auf der Sonnenseite des Lebens.“
Und wenn man dann miteinander spricht und sich austauscht,
dann wird die Situation allein schon dadurch leichter.
Der 1. Timotheusbrief geht noch einen Schritt weiter.
Durch den neuen Glauben;
durch den Glauben an Jesus Christus und sein Evangelium,
fühlt sich der Verfasser hineingenommen in die Pläne Gottes.
„Von Anfang an war es Gottes Plan, Jesus in die Welt zu schicken“,
macht er sich in seinem Gefängnis klar.
„Und ich kleiner Mensch darf an diesen weltbewegenden Ereignissen teilhaben.
Das ist meine Rettung in allem.“
Paulus ist immer wieder auch ein ,Christ in der Anfechtung‘, genau wie wir.
Er denkt über sein Leben nach
und weiß sich durch seine Berufung und durch seine Taufe
in den Heilsplan Gottes hineingestellt.
Das macht ihm sein Leiden leichter.
Das hilft ihm, nicht zu verzweifeln.
Das schenkt ihm eine gewisse Standfestigkeit.
Wir Menschen kennen nicht, was Gott mit uns vorhat. Am Ende können wir nur auf Gottes Liebe hoffe und vertrauen. Und die Furcht wird aufhören. Uns muss nicht mehr angst und bange sein. Am Ende ist es Gott, der uns umfängt.


