Predigt zu Apostelgeschichte 6,1–7 Als Christen diakonisch leben

Predigt zu Apostelgeschichte 6,1–7 Lebt als Christen diakonisch

Apostelgeschichte 6,1-7

1In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.

5Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.“ Basisbibel

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Darum geht es heute, liebe Gemeinde. Lebt als Christen diakonisch.

Manchmal gibt es zwischen Kirchengemeinden und der Diakonie Konkurrenz. Oft haben die Gemeinden ihre diakonischen Aufgaben an die Diakonischen Werke abgegeben. Wir Christen bekommen es dann kaum noch mit, wenn das Diakonische Werk vor Ort ein Seniorenheim betreibt oder Beratungsdienste an Schulen anbietet. Es gibt oft wenig Kontakt zwischen Kirchengemeinde und Pflegedienst.

Dabei gehören Gottesliebe und Nächstenliebe zusammen. Genau so gehören Diakonie und Gottesdienst zusammen.

Die Nächstenliebe gehört fest zu unserem Glauben. Schon in der Urgemeinde war sie eine Selbstverständlichkeit. Das zeigte sich besonders in der Diakonie. Die ersten Christen wussten: Wir sollen den Menschen das Evangelium nicht nur predigen. Die Menschen sollen Gottes Liebe auch ganz praktisch erfahren.

Zur Verkündigung gehört konkrete Hilfe. Damals gab es dafür eine tägliche Armenspeisung. Besonders Witwen waren auf diese kostenlose Nahrung angewiesen. Für die Urgemeinde in Jerusalem war klar: Wir sorgen für diese Frauen.

Doch dann geschah etwas, das eigentlich nicht hätte passieren dürfen. Einige jüdische Witwen stammten aus dem griechischen Raum. Sie waren nach Jerusalem gezogen und zum Glauben gekommen. Bei der täglichen Versorgung wurden sie einfach übersehen. Man hatte diese Frauen schlicht nicht im Blick.

Das passiert nicht nur damals. Auch heute übersehen wir manchmal die Not unserer Mitmenschen. Wir haben sie nicht auf dem Schirm und nehmen ihre Nöte gar nicht wahr. „Aus den Augen, aus dem Sinn“, heißt es so schön. Und manchmal wollen wir die Not anderer auch gar nicht sehen.

Wissen Sie zum Beispiel, wie es Ihrem Nachbarn geht? Was ihn beschäftigt oder umtreibt? Vielleicht kennen Sie nicht einmal seinen Namen. So ging es mir, als ich in Flachslanden in eine neue Straße gezogen bin. Wir kannten dort niemanden. Wir können viel über die Anonymität auf dem Land oder in der Stadt klagen. Oder wir machen den ersten Schritt. Wir fragen nach dem Namen. Wir sagen freundlich „Grüß Gott“. Am Ende kümmern wir uns um unsere Nachbarn – und sie kümmern sich um uns, wenn wir Hilfe brauchen.

Nächstenliebe fängt bei mir selbst an. Ich bin gefragt, nach meinem Nächsten zu sehen. Und jeder kann mein Nächster sein. Er hat viele Namen und Gesichter. Er kann jung sein oder alt. Jeder Mensch, der mich braucht und sonst keine Hilfe hat, ist mein Nächster:

  • Der Nachbar nebenan.
  • Das Kind in der Nachbarschaft, das Vernachlässigung oder Gewalt erlebt.
  • Der Geflüchtete, der auf der Arbeit schikaniert wird.
  • Der Arbeitslose, der an seiner Lage verzweifelt.
  • Die ältere Frau, die es sich und anderen schwer macht.
  • Der Mensch nebenan, der körperlich oder seelisch krank ist.
  • Die Familie, die mit ihren Kindern nicht mehr zurechtkommt.
  • Die Eheleute mit deutlichen Problemen.

Manchmal versuchen wir, das alles nicht an uns heranzulassen. Dann hören wir Ausreden wie: „Das ist doch Privatsache. Da will ich mich nicht einmischen.“ Aber die Not meiner Mitmenschen geht mich etwas an. Jeder Mensch, an dem ich vorübergehe, kann mein Nächster sein.

Auch die Menschen in anderen Teilen der Welt gehen uns etwas an. Denken wir an die Armut dort, an den Hunger, an Straßenkinder oder an Ausbeutung. Unsere Welt ist klein und vernetzt geworden.

Wer die Augen offenhält, sieht viele Menschen, an denen wir sonst achtlos vorbeigehen. Wir ähneln dann den Männern aus dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Sie sahen den Verletzten, gingen aber einfach weiter.

Ich mache jetzt eine kleine Pause. Nutzen wir die Gelegenheit zum Nachdenken: Welchen Menschen legt Gott mir gerade ans Herz? An wem bin ich bisher achtlos vorbeigegangen? Für wen nehme ich mir zu wenig Zeit? Wen habe ich bisher übersehen?

(Kleine Pause)

Wenn Gott Ihren Blick jetzt auf einen bestimmten Menschen gelenkt hat, dann behalten Sie ihn im Herzen. Verlieren Sie ihn nicht wieder aus den Augen.

Vielleicht sind vor Ihrem inneren Auge aber auch viele Menschen aufgetaucht, denen Sie schon längst helfen. Sie unterstützen diese Menschen seit langer Zeit. Und das ist gut so! Wir sind oft bereit zu helfen. Wir sind immer wieder wie der barmherzige Samariter, der nicht einfach weitergeht.

Genau wie die Apostel haben auch wir oft alle Hände voll zu tun. Vielleicht gehören Sie zu den Menschen, die sich im Dienst an anderen fast aufreiben. Die da sind, ohne an sich selbst zu denken. Vielleicht kennen Sie den Gedanken: „Ich kann nicht mehr. Es wird mir zu viel!“ Vielleicht fühlen Sie sich selbst von anderen übersehen.

Es ist eine typisch christliche Versuchung zu glauben: Nächstenliebe muss bis zur Selbstaufgabe gehen. Noch schlimmer wird es, wenn andere das von uns erwarten und sagen: „Du bist doch Christ, du musst immer für andere da sein!“

Ich glaube: Das stimmt so nicht. Kein Mensch darf erwarten, dass wir 24 Stunden am Tag verfügbar sind. Erst recht erwartet das Jesus nicht von uns. Nicht von Gemeindemitarbeitern und auch nicht von Eltern, die für ihre Kinder da sein wollen. Wer rund um die Uhr nur für andere da ist, brennt irgendwann aus.

Darum dürfen wir das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ richtig verstehen. Es verlangt keine grenzenlose Selbstaufopferung. Es bedeutet: „Liebe deinen Mitmenschen – und liebe genauso auch dich selbst.“

Die Apostel haben das genau so vorgelebt. Sie merkten, dass sie völlig überfordert waren. Sie sollten predigen und gleichzeitig die Speisung organisieren. Dadurch entstanden Ungerechtigkeiten. Da hatten sie den Mut, eine Grenze zu ziehen. Sie sagten: „Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen.“

Sie wussten: Beide Aufgaben zusammen schaffen wir nicht. Deshalb schlugen sie vor: „Wählt sieben Männer aus eurer Mitte, die sich um das Essen kümmern. Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben.“ Die Apostel dachten hier auch an sich selbst. Sie wussten genau, was sie leisten konnten und was sie ablehnen mussten.

Gott will keinen von uns überfordern. Er erwartet nicht, dass wir uns aufreiben. Das eine Opfer am Kreuz durch Jesus Christus reicht für immer aus. Wir müssen uns nicht opfern. Wir dürfen und sollen darauf achten, was uns gut tut und was wir brauchen.

Wir dürfen darauf vertrauen: Gott übersieht unsere eigenen Nöte nicht. Manchmal fühlen wir uns wie die griechischen Witwen. Wir sehen die Not der anderen, aber wir können nicht mehr. Wir fühlen uns selbst hilflos. Wie jemand, der am Boden liegt und trotzdem anderen aufhelfen soll.

In solchen Momenten ist es wichtig zu wissen: Wir haben einen Herrn, dem wir unser Leid klagen dürfen. Jesus nimmt sich unserer Not an. Er möchte nicht, dass wir mit leerem Akku und innerer Unzufriedenheit anderen helfen.

Die Bibel erzählt vom blinden Bartimäus. Als er hört, dass Jesus vorbeikommt, schreit er: „Jesus, geh nicht an mir vorüber! Hilf mir!“ Und Jesus bleibt stehen. Er übersieht ihn nicht. Er hilft ihm.

Genau so ist Jesus auch für uns da. Er geht nicht an uns vorüber. Einst sagte er zu seinen erschöpften Jüngern: „Kommt an einen einsamen Ort und ruht euch aus.“ Er sorgt dafür, dass wir Ruhe finden. Und wenn es sein muss, hilft er uns auch zu „murren“ wie die griechischen Witwen. Er hilft uns, Stopp zu sagen: „Ich schaffe das nicht allein. Ich brauche Hilfe.“

Nächstenliebe fängt bei mir selbst an, indem ich meine eigenen Bedürfnisse wahrnehme. Gott möchte nicht, dass wir uns selbst vergessen. Und er macht uns klar: Du musst gar nichts alleine machen. Du hast Menschen an deiner Seite, die dir helfen.

In der Urgemeinde gab es eine klare Aufgabenteilung: Die Diakone sorgten für das leibliche Wohl, die Apostel für das Wort Gottes. Beides ist gleich wichtig. Beides ist Dienst am Nächsten. Menschen brauchen Brot und praktische Hilfe. Aber sie brauchen auch das Wort Gottes, das Trost spendet und Hoffnung gibt.

Jeder kann sich mit seinen Begabungen einbringen. Die eine findet tröstende Worte. Der andere trägt die Einkäufe. Eine kann gut zuhören, ein anderer hilft bei Behördengängen. Wort und Tat gehören zusammen. Manche Predigt wird erst durch die Tat glaubhaft. Und manche Tat wird durch unseren Glauben zu einem Zeichen für Gott.

Wie auch immer unsere Hilfe aussieht: Gott will keine Einzelkämpfer. Wir müssen nicht alles alleine anpacken und überall mitmischen. Mit unseren unterschiedlichen Gaben helfen wir mit, dass niemand übersehen wird. Unsere Mitmenschen haben ein Recht auf Hilfe. Und genauso dürfen wir darauf vertrauen, dass auch wir selbst im Leben nicht zu kurz kommen.

Amen.

Predigt: Die Freiheit der Wildgänse

12.Juli 2026 Flachslanden

Predigttext: Deuteronomium 7, 6–12 (nach der BasisBibel)

Liebe Gemeinde,

eine Wildgans sah einmal ein paar zahme Gänse. So erzählt es der Denker Sören Kierkegaard in einer bekannten Geschichte. Diese Wildgans flog hinunter auf den Bauernhof. Sie wollte den zahmen Gänsen das Fliegen beibringen.

Am Anfang fanden die zahmen Gänse das noch lustig. Aber bald hatten sie genug davon. Die Wildgans nervte sie. Die zahmen Gänse sagten: „Hör auf damit. Wir brauchen das Fliegen nicht. Wir haben es noch nie gebraucht. Wir werden es auch in Zukunft nicht brauchen.“

Die Wildgans glaubte ihnen schließlich. Sie dachte auch, dass Fliegen nutzlos ist. Sie passte sich an. Nach einiger Zeit war aus der freien Wildgans eine zahme Gans geworden. Sie wartete nur noch auf ihr Futter. Das Fliegen hatte sie verlernt. Im Dezember wurde sie geschlachtet. An Weihnachten wurde sie verspeist. Sie hatte einen großen Fehler gemacht: Sie hatte sich den zahmen Gänsen angepasst.

Sören Kierkegaard wollte die Christen damit wachrütteln. Er wollte sagen: Passt auf! Passt euch nicht denen an, die nur dem Namen nach Christen sind. Sie nennen sich zwar so, aber sie können nicht fliegen. Ihnen fehlt das Wichtigste für den Glauben. Als Christ soll man sich vom alten Leben lösen. Man soll abheben vom Boden. Man soll ein neues Leben beginnen. Dort oben in den Lüften genießt man die Freiheit des Glaubens. Es ist ein Leben mit Christus. Wenn ihr euch zu sehr anpasst, verliert ihr am Ende alles.

Manchmal passen wir uns aber nicht den zahmen Gänsen an. Manchmal lassen wir uns vom genauen Gegenteil beeindrucken: von rücksichtsloser Macht. Wir sehen das in unserer heutigen Welt ganz deutlich. Denken wir an Donald Trump. Er zeigt uns einen Lebensstil, der auf puren Druck setzt. Er will Dinge mit aller Gewalt durchsetzen. Regeln gelten scheinbar nur für die anderen.

Erinnern wir uns an das dramatische Fußballspiel der USA gegen Belgien bei der Weltmeisterschaft. Da gab es eine Vorgeschichte: Im Spiel vorher hatten die USA eine Rote Karte bekommen. Das bedeutete: Ihr bester Spieler wäre für das wichtige Spiel gegen Belgien gesperrt gewesen!

Trump tobte. Er wollte diese Entscheidung mit aller Gewalt ungeschehen machen. Also rief er kurzerhand bei der korrupten FIFA an und setzte sie unter Druck. Und tatsächlich: Die FIFA gab nach. Die Rote Karte wurde zurückgenommen! Der beste Mann durfte spielen. Trump dachte, er hätte das Schicksal mit Macht und Druck gezwungen. Er war sich sicher, als Sieger vom Platz zu gehen.

Doch am Ende half alle Trickserei und alle Gewalt nichts: Die USA verloren das Spiel gegen Belgien haushoch. Trump stand trotz seines scheinbaren Triumphs am Ende als Verlierer da.

Diese Geschichte zeigt uns: Wer nur auf die eigene Macht setzt, wer Regeln biegt und Recht mit Füßen tritt, steht am Ende oft mit leeren Händen da. Macht und Lautstärke sind kein Fundament, das hält.

Vor falscher Anpassung – egal ob an die Trägheit oder an die rücksichtslose Macht – warnt auch Mose im heutigen Predigttext. Er hält eine lange Rede an das Volk Israel. Die Israeliten stehen an der Grenze zum versprochenen Land Kanaan. Bald ziehen sie hinüber. Sie wollen sich dort niederlassen. Aber in diesem Land wohnen sieben andere Völker. Und diese Völker verehren andere Götter. Sie leben nach dem Recht des Stärkeren.

Mose sagt: Passt auf! Passt euch diesen Völkern nicht an. Betet nicht ihre Götzen an. Sucht eure Macht nicht in Gewalt und Egoismus. Es kann passieren, dass euch ihre fremden Tempel und ihre scheinbare Stärke beeindrucken. Es kann passieren, dass ihr dort euer Heil sucht. Mose weiß: Das wäre der Anfang vom Ende. Gott beschützt sein Volk nicht, wenn es stolz wird und fremde Götter anbetet. Deshalb redet Mose den Israeliten ins Gewissen.

Du, Israel, bist ein besonderes Volk,

du bist heilig für den Herrn, deinen Gott.

Der Herr, dein Gott, hat dich erwählt:

Als einziges Volk unter allen Völkern der Erde

sollst du ihm gehören.7

Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker,

empfindet der Herr Zuneigung zu euch.

Nicht deswegen hat er euch ausgewählt.

Denn du bist ja das kleinste von allen Völkern.8

Sondern aus Liebe zu euch hat der Herr es getan.

Er hält sich an den Eid,

den er euren Vorfahren

geschworen  hat.

Darum hat euch der Herr herausgeführt

Mit starker Hand hat er euch aus der Sklaverei befreit –

aus der Gewalt des Pharao,

des Königs von Ägypten.9

So erkenne nun:

Der Herr, dein Gott, er ist Gott.

Er ist ein treuer Gott und hält seinen Bund.

Die ihn lieben und seine Gebote

 befolgen,

erfahren seine Güte noch in tausend Generationen.10

Doch die ihm untreu werden,

zieht er zur Rechenschaft und vernichtet sie.

Ohne zu zögern bestraft er jeden,

der ihm untreu wird.11

Befolge deshalb die Gebote, Gesetze

 und Bestimmungen,

die ich  dir heute weitergebe.

Handle unbedingt danach!

Das wird geschehen,

wenn du auf diese Bestimmungen hörst,

sie befolgst und danach handelst:

Dann bewahrt der Herr

, dein Gott, den Bund

und hält dir die Treue.

So hat er es deinen Vorfahren geschworen..

Das sind die Worte von Mose. Er sagt sie, bevor das Volk das Land Kanaan betritt. Diese Botschaft gilt auch für uns heute. Wir sind das Gottesvolk der Christen. Wir ziehen zwar nicht nach Kanaan. Aber wir leben auch in einer Gesellschaft. Die Lebenseinstellung um uns herum prägt uns. Oft bringt sie uns weg von Gott. Viele Mitmenschen leben so, als ob es Gott nicht gäbe. Sie gehen in keine Kirche. Sie wissen nichts vom Glauben. Viele Menschen beten heute andere Dinge an. Es gibt den Fußballgott, die politische Macht oder das Geld. Wir leben in einer Gesellschaft, die Gott oft vergisst.

Diese Lebenshaltung kann uns beeindrucken. Man denkt vielleicht: Es muss toll sein, einfach nach Lust und Laune zu leben. Man setzt sich einfach mit Gewalt durch und nimmt auf niemanden Rücksicht. Der allgemeine Lebensstil geprägt von Egoismus und Konsum beeinflusst uns mehr, als wir merken. So lebt m a n eben heute. Dabei verlieren wir leicht den Blick für Gottes Willen. Wir entfernen uns immer weiter von Gott.

Denken wir an das Bild von den Wildgänsen. Es kann passieren, dass wir uns zu sehr anpassen. Dann werden wir zu zahmen, harmlosen Gänsen oder wir machen beim lauten Geschrei der Mächtigen mit. Am Ende verlieren wir unsere Freiheit.

Aber Gott hat uns zu etwas Höherem berufen. Wir sollen Wildgänse sein. Keine zahmen Gänse, aber auch keine rücksichtslosen Raubvögel. Wir sollen Christen sein, die die Freiheit des Glaubens spüren. Keine angepassten Menschen, die das Fliegen verlernt haben.

Gott hat uns einen Platz in seiner Gemeinde gegeben. Hier sollen wir unseren Glauben leben. Er hat uns schon in der Taufe berufen. Seit unserer Taufe sind wir Kinder Gottes. Wir gehören zu Christus und dürfen an ihn glauben.

Wissen wir eigentlich noch, was für ein großes Geschenk das ist? Die Taufe ist eine Zusage Gottes. Sie ist aber auch eine Aufgabe. Wissen wir noch, was es heißt, zu Christus zu gehören? Was bedeutet es, ausgewählt zu sein?

Gott wählt Israel aus. Dabei ist es das kleinste von allen Völkern. Gott wählt eben gerade nicht die lauteste Supermacht. Er sucht sich keine Herrscher, die mit Gewalt alles durchdrücken. Er wählt die Kleinen. Gott geht mit diesem Volk durch die Geschichte. Er schließt einen Bund mit ihm. Er befreit das Volk aus der Sklaverei in Ägypten. Er führt es in ein gutes Land. Gott erwartet aber auch etwas. Das Volk soll sich im neuen Land bewähren. Es soll Gottes Gebote halten. Es soll sich nicht an die Götter der Gewalt und des Eigennutzes anpassen.

Wir wissen: Das Volk Israel ist oft falsche Wege gegangen. Es hat sich oft an die fremden Bräuche angepasst. Die Warnungen von Mose wurden vergessen. Trotzdem hat Gott sein Volk niemals aufgegeben.

Und wie ist das mit uns? Im Neuen Testament steht über uns Christen: „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das heilige Volk.“ Durch Christus gehören auch wir dazu. Durch die Taufe und unseren Glauben sind wir ausgewählt.

Sind wir uns dieser Auswahl bewusst? Ausgewählt zu sein heißt nicht, dass wir besser sind als andere oder dass wir uns über andere erheben dürfen. Nein, Gott hat uns aus reiner Liebe ausgewählt. Es bedeutet: Wir gehören zu seiner Gemeinde. Wir halten zu denen, die auch an ihn glauben. Und es bedeutet: Wir leben so, wie Gott es sich gedacht hat. Weit weg von Ellenbogen-Mentalität und purem Machtstreben. Wir sind ausgewählt. Leben wir auch danach?

Wissen wir noch, was Gott uns heute aufträgt? In der Bibel heißt es: „Achte also auf das Gebot, die Gesetze und die Rechtsvorschriften! Ich verpflichte dich heute dazu, nach ihnen zu handeln.“

Mose wiederholt in seiner Rede die Zehn Gebote. Er tut das, bevor das Volk über den Fluss Jordan zieht. Er will den Israeliten einschärfen: Ihr dürft nur dem einen, wahren Gott dienen. Wer Gottes Segen will, muss sich an seine Gebote halten. Die Gebote sind keine Schikane. Sie sind kluge Lebensregeln. Sie sorgen dafür, dass das Leben in der Gemeinschaft gelingt. Und dass die Beziehung zu Gott gut bleibt. Das Volk soll die Gebote aus Liebe halten. Dadurch unterscheidet es sich von den anderen Völkern.

Das hat damals auch geklappt. Das Volk Israel fiel auf. Zum Beispiel haben sie den siebten Tag der Woche geheiligt. Das war der Sabbat. Überall um sie herum arbeiteten die Menschen die ganze Woche durch. Sie schufteten ohne Pause, um immer reicher und mächtiger zu werden. Nur das Volk Israel arbeitete an einem Tag nicht. Sie feierten ihren Gott und ruhten sich aus. Sie vertrauten darauf, dass Gott für sie sorgt – ganz ohne Gewalt und Dauerdruck.

Für uns gelten Gottes Gebote genauso. Wir haben es genauso nötig. Wir müssen den Sonntag heilig halten. Er darf kein normaler Arbeitstag werden. Es tut uns Christen gut, an einem Tag einfach auszuruhen. Genau wie damals den Israeliten.

Gottes Gebote haben eine wichtige Funktion. Sie holen uns heraus aus dem Alltagstrott und dem endlosen Leistungsdruck. Sie unterscheiden uns vom Verhalten einer oft rücksichtslosen Gesellschaft. Es tut uns gut, wenn wir uns nicht überall anpassen. Nur so können wir die Freiheit der Wildgänse erleben.

Ich habe am Anfang eine Geschichte von Vögeln erzählt. Ich möchte auch mit einer enden:

Vor vielen hundert Jahren kamen die ersten christlichen Missionare nach Deutschland. Damals gab es hier noch tiefe Wälder. Ein Missionar wurde zu einem Stammesfürsten gerufen. Der Fürst wollte wissen: Was ist das für eine neue Lehre? Sie standen in einer großen Halle. In der Mitte brannte ein Feuer. Plötzlich flog ein Vogel durch ein Loch im Dach herein. Er drehte ein paar Runden im Hellen. Dann flog er durch ein anderes Loch wieder hinaus in die dunkle Nacht.

Der Missionar sagte zum Fürsten: „Hast du den Vogel gesehen? Genau so ist dein Leben. Du kommst aus dem Dunkeln. Du weißt nicht, woher. Dann drehst du ein paar Runden hier im Hellen. Danach verschwindest du wieder in der Nacht. Und du weißt nicht, wohin. Ich aber kann dir sagen, woher du kommst. Und ich kann dir sagen, wohin du gehst.“

Das ist das Schöne an unserem Glauben. Das ist das Geheimnis unseres Lebens. Wir wissen, wozu wir berufen sind. Wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Wir müssen uns nicht mit Gewalt durchs Leben kämpfen, um am Ende doch als Verlierer dazustehen. Wir sind berufen, in unserem Leben wirklich frei zu sein. Wie freie Wildgänse, die vertrauensvoll dem Ruf Gottes folgen.

Aus Liebe erwählt, zur Antwort berufen.

Amen.

Nützliche Gedanken, wenn ich mich unnütz fühle und aus der Spur bin

Manchmal

fühle ich mich unnütz, werde nicht mehr gebraucht, spüre, wie meine Leistungsfähigkeit weniger wird, mein Gedächtnis nachlässt, mein Körper nicht mehr so will wie ich will

Dann

sage ich mir

Das ist der natürliche Weg des Lebens,

das gehört zum Leben dazu,

genau wie die Zeiten, wo ich das Gefühl habe, gebraucht zu werden, meine Kraft spüre, ich jederzeit mein Gedächtnis abrufen kann und mein Körper in der Spur ist.

Und ich bin zutiefst davon überzeugt:

Es gibt eine Würde menschlichen Lebens,

auch wenn es unnütz geworden ist.

Selbst wenn ich nicht mehr gebraucht werde, nicht mehr kann, mich selbst vergesse und mein Körper völlig aus dem Gleichgewicht ist:

bin ich gehalten

von dem, was wir „Gott“ nennen.

Das große Aufatmen Predigt Rügland 14.6.26

Predigt: Das große Aufatmen

Textbasis: Matthäus 11, 25–30

Einführung: Die Erschöpfung unserer Tage

Liebe Gemeinde,

kennt ihr dieses Gefühl, wenn am Ende des Tages die Schultern schwer sind? Wenn der Kopf schwirrt von To-Do-Listen, Erwartungen und Sorgen? Wir leben in einer Welt, die uns ständig einflüstert:

 Du musst mehr leisten,

 du musst klüger sein,

du musst dein Leben perfekt im Griff haben.

Der Druck kommt von außen – durch den Job, den Alltag, die Erwartungen anderer.

Aber oft machen wir ihn uns auch selbst.

In genau diese Erschöpfung hinein spricht Jesus heute Worte, die wie ein kühles Glas Wasser an einem heißen Sommertag wirken. Sie sind eine Einladung zum Aufatmen.

1. Das Geheimnis der „Unmündigen“ (Verse 25–26)

Matthäus 11, 25–

Danach rief Jesus aus: »Ich preise dich, Vater,

du Herr über den Himmel und die Erde!

Denn du hast das alles

vor den Weisen und Klugen verborgen.

Aber den einfachen Leuten hast du es offenbart.

Ja, Vater, so hast du es gewollt!

Alles hat mir mein Vater übergeben.

Niemand kennt den Sohn, nur der Vater.

Und niemand kennt den Vater, nur der Sohn –

und die Menschen,

denen der Sohn den Vater zeigen will.«

Jesus beginnt überraschend. Er lobt Gott dafür, dass er die wichtigsten Dinge des Lebens vor den „Weisen und Klugen“ verborgen hat und sie den „Unmündigen“ – im griechischen Originaltext steht da nēpioi, was so viel wie „Kleinkinder“ oder „Einfältige“ bedeutet – offenbart hat. Hören wir nochmal wie es Luther übersetzt hat:

„In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.“ (Mt 11,25)

Was meint Jesus damit? Er wettert hier nicht gegen Bildung oder Vernunft. Er wendet sich gegen eine bestimmte innere Haltung: die spirituelle Arroganz. Die damaligen Schriftgelehrten dachten, sie hätten Gott durch ihr endloses Studium und ihre komplizierten Regeln perfekt verstanden. Sie machten den Glauben zu einer schweren Wissenschaft.

Kinder dagegen haben eine wunderbare Eigenschaft: Sie wissen, dass sie abhängig sind. Sie gehen ohne Vorurteile, mit offenen Armen und voller Vertrauen auf ihre Eltern zu.

Jesus sagt uns: Du musst nicht erst religiöser Hochleistungssportler oder  intelligenter Theologieprofessor sein, um Gott zu begegnen. Du darfst einfach kommen, so wie du bist – mit deinen offenen Fragen, mit deiner Unwissenheit und deiner Sehnsucht. Bei Gott darfst du einfach Kind sein.

2. Das falsche und das richtige Joch (Verse 28–29)

»Kommt zu mir, ihr alle,

die ihr euch abmüht und belastet seid!

Ich will euch Ruhe schenken.

Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe.

Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch

und sehe auf niemanden herab.

Dann werden eure Seelen Ruhe finden.

Denn mein Joch ist leicht.

Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.«

Wir kennen den letzten Satz, den wohl berühmteste Satz dieses Abschnitts, ein Ruf direkt in unser Herz so von Luther übersetzt:

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28)

Jesus sieht die Menschen seiner Zeit – und er sieht uns heute. Wir sind „mühselig und beladen“. Mühselig und beladen“ beschreibt die Lasten, die wir mit uns herumtragen.

Damals waren das oft die erdrückenden religiösen Vorschriften der Pharisäer.

Heute sind es vielleicht die Lasten der Leistungsgesellschaft, Beziehungsstress, Existenzängste oder die Last eigener Schuld und Fehler.

Und was bietet Jesus an? Er sagt: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir.“

Im ersten Moment stutzen wir vielleicht. Ein Joch? Ein Joch war ein schweres Holzgestell, das zwei Ochsen auf den Nacken gelegt wurde, um den Pflug zu ziehen. Es steht für Arbeit, Zwang und Last. Warum bietet Jesus uns, die wir sowieso schon überlastet sind, ein neues Joch an?

Der Schlüssel liegt in zwei Details:

  • Ein Joch für zwei: Ein Joch war fast immer für ein Paar von Tieren gedacht. Jesus sagt nicht: „Hier ist ein neuer Sack Steine, trag ihn allein.“ Ich treib dich an.
  • Er sagt: „Spann dich neben mich. Ich ziehe die Hauptlast. Du gehst an meiner Seite.“

Sein Wesen: Er fügt hinzu: „…denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ Luther) BB Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab.

Im Gegensatz zu den harten Antreibern dieser Welt ist Jesus ein sanfter Gefährte. Sein Joch drückt nicht, es passt perfekt.

3. Was bedeutet das für unseren Alltag?

Wenn wir Jesu Einladung annehmen, verändert das unseren Alltag fundamental. Es bedeutet drei Dinge:

  1. Wir können die Masken abnehmen: Vor Jesus müssen wir nicht den Starken spielen. Wir müssen nicht beweisen, was wir alles geschafft haben. Wir dürfen erschöpft zu ihm kommen.
  2. Wir können den Rhythmus wechseln: Von Jesus lernen heißt, seinen Lebensrhythmus zu übernehmen. Er hatte eine tiefe Anbindung an den Vater. Er wusste, wann Zeit zum Wirken und wann Zeit zum Beten und Ruhen war.
  3. Wir können us der Gnade leben: Wir arbeiten nicht für unsere Anerkennung, sondern wir leben aus der Anerkennung, die Gott uns schon längst geschenkt hat. Das nimmt der Arbeit den lähmenden Druck.

Schluss: Die Einladung gilt heute

Liebe Gemeinde, das Versprechen Jesu steht:

Ich will euch Ruhe schenken. BB

„So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“ (Mt 11,29).

Es ist keine billige Vertröstung auf das Jenseits. Es ist eine Verheißung für das Hier und Jetzt. Eine tiefe, innere Ruhe, die bleibt, selbst wenn es im Außen stürmisch ist.

Lassen wir uns in dieser Woche neu darauf ein.

Wenn der Druck steigt, halten wir kurz inne,

 atmen aus, atmen ein und erinnern uns:

Wir gehen nicht allein. Der Starke geht an unserer Seite.

Amen.

Mein Recht, trotzdem glücklich zu sein

Ich habe gelernt:

Ich habe das Recht, glücklich zu sein –

auch wenn andere im Unrecht waren.

Wenn Menschen sich nicht entschuldigen wollen oder es nicht können,

gebe ich mir die Entschuldigung selbst.

Ich erkenne an, dass mir in einem früheren Lebensabschnitt Unrecht geschehen ist.

Ich habe Mobbing und psychische Gewalt erfahren.

Es ist eine Tatsache, dass eine Einsicht oder eine Entschuldigung von den Beteiligten vielleicht nie kommen wird.

Ich akzeptiere das. Doch das bedeutet nicht, dass ich im Unrecht bin.

Ich bin ein einfühlsamer Mensch und ich gebe mir heute selbst die Erlaubnis, trotzdem glücklich zu sein.

Ich bin dankbar, dass ich heute in einem Umfeld lebe, in dem ich geschätzt werde und mich sicher fühle.

Ich bin glücklich über die Liebe meiner Familie

und die Freiheit, meinen Weg und meine Aufgaben im Leben selbst zu wählen.

Ich bin heute zufrieden. Und das ist mein Recht.

Predigt über den Aronitischen Segen (Numeri 6,22–27) Eyb 31.5.2026

Der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Predigttext

Wie können wir uns das vorstellen? Wie legen Menschen den Namen Gottes auf ihre Kinder und Kindeskinder?

Die jüdische Ärztin und Autorin Rachel Naomi Remen berichtet von einer tiefen Erfahrung aus ihrer eigenen Kindheit. Wenn sie an den Freitagnachmittagen nach der Schule zu ihrem Großvater zu Besuch kam, war in der Küche bereits der Tisch zum Teetrinken gedeckt. Nach dem Tee stellte der Großvater stets zwei Kerzen auf den Tisch und zündete sie an. Er wechselte auf Hebräisch einige Worte mit Gott – manchmal laut, meistens aber schloss er einfach die Augen und schwieg. Rachel saß dann da und wartete geduldig. Sie wusste: Jetzt kam gleich der beste Teil der Woche.

Verschnaufpause, Blick zur Gemeinde

Wenn der Großvater fertig war, mit Gott zu sprechen, wandte er sich ihr zu und sagte: „Komm her, Neshumele.“ Rachel baute sich vor ihm auf, und er legte ihr sanft die Hände auf den Scheitel. Dann dankte er Gott dafür, dass es sie gab und dass er ihr Großvater sein durfte. Er sprach all die Dinge an, mit denen sie sich in der Woche herumgeschlagen hatte. Er erzählte Gott etwas Echtes über sie.

Wenn Rachel in der Woche etwas angestellt hatte, lobte er ihre Ehrlichkeit, die Wahrheit gesagt zu haben. Wenn ihr etwas misslungen war, würdigte er, wie sehr sie sich bemüht hatte. Wenn sie es geschafft hatte, ohne das Licht ihrer Nachttischlampe zu schlafen, pries er ihre Tapferkeit im Dunkeln. Und dann gab er ihr seinen Segen und bat die Erzmütter aus ferner Vergangenheit – Sara, Rebekka, Rahel und Lea –, auf sie aufzupassen.

Worte, die Jahrhunderte tragen

Stellen wir uns vor, uns wird dieser Segen heute ebenfalls zugesprochen. Unsere Namen werden in ihn hineingelegt.

Seit mehr als 2500 Jahren klingen diese Worte so oder ganz ähnlich. So viel Licht und Klarheit scheint in ihnen auf. Und Kraft. All die Jahrhunderte haben diese Worte Menschen gehalten. Zunächst in den jüdischen Gottesdiensten, die nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem in den Synagogen gefeiert wurden. Sie waren beständige Begleiter im gottesdienstlichen Leben, in den Familien – und sogar über die Schwelle des Todes hinaus. Archäologen haben winzige Silberamulette in Gräbern gefunden, die den Toten mitgegeben wurden, beschriftet mit genau diesen Worten.

Es sind wirksame, lebensbegleitende Worte. Viele von uns begegnen ihnen immer wieder. Sie haben einen vertrauten Klang. Und doch hören wir sie je nach Lebenssituation immer wieder anders. Brauche ich heute die vertraute Wortfolge als Halt? Brauche ich gerade jetzt die Erinnerung an das Licht, an Gottes Gnade? Ist mein Bedürfnis nach Frieden besonders groß?

Über die Jahre bauen wir eine persönliche Verbindung zu diesen Worten auf. Sie waren in den Gottesdiensten schon da, als wir sie als Kinder noch gar nicht begreifen konnten. Und genau das ist eines der Geheimnisse unserer Liturgie: So vieles war vor uns schon da. Schon so viele Menschen haben diese Worte vor uns erreicht, getröstet und gestärkt.

Gleichzeitig erinnert uns dieser Text an ein wichtiges Fundament: Der Segen ist ein Geschenk aus der Liturgie des Volkes Israel. Jeder Aronitische Segen in unseren Kirchen erinnert uns daran, dass unsere Kirche ohne Gottes bleibenden Bund mit dem Volk Israel überhaupt nicht denkbar ist. Die Erfahrung von Segen ist älter als die Botschaft Jesu. Unsere Gottesdienste sind durch die Psalmen und Lesungen ein Klang- und Erfahrungsraum von vielen Geschichten Gottes mit seinen Menschenkindern.

Der Name des Unaussprechlichen

Wenn dieses segnende Geschehen geschieht, geschieht es mit tiefer Ehrfurcht. Im hebräischen Urtext steht an dieser Stelle der Gottesname, das Vierbuchstabenwort Jahwe. Für den jüdischen Glauben ist dieser Name so heilig, dass er unaussprechlich bleibt. Aus Respekt wird er beim Lesen durch Adonai (mein Herr) ersetzt oder mit HaShem – „Der Name“ – umschrieben. Martin Luther hat das damals mit „der HERR“ übersetzt. Doch eigentlich meint dieser Name keinen fernen Herrscher, sondern den Gott, der sagt: „Ich bin da. Ich bin für euch da.“

In der biblischen Tradition war dieser Segen ursprünglich den Priestern vorbehalten. Wenn ein Nachkomme Aarons, ein sogenannter Kohen, anwesend war, fiel ihm diese Aufgabe zu. Im orthodoxen Judentum ist das bis heute so. Das bedeutet eine große Klarheit in der Bedeutung dieser Worte: Sie gehören ganz eng in die Gottesbeziehung.

Gleichzeitig wurde der Segen in der alltäglichen Glaubenspraxis immer auch in den Familien weitergegeben. Durch Mütter und Väter, Großeltern, durch ein hingeworfenes „Behüt dich Gott“ oder „Grüß Gott“. Es ist der Wunsch nach umfassendem Wohlergehen, Lebenskraft und Zutrauen für den Weg.

Ein Gott in drei Dimensionen

Am heutigen Trinitatissonntag feiern wir die Vielfalt unserer Glaubenserfahrungen. Wir staunen über die vielfältigen Wege, die Gott mit uns geht. Und genau in diesem dreifachen Segen zeigt sich uns der dreieinige Gott in all seinen Dimensionen – als Schöpfer, als Gegenüber und als Lebenskraft.

Die Hände einladend öffnen, die Gemeinde direkt ansprechen

Weil wir uns den Segen nicht selbst schaffen und ihn uns nicht selbst zusprechen können, dürfen wir ihn jetzt empfangen:

Der Herr segne dich und behüte dich.

Das heißt: Gott lasse dir bleibende Lebenskraft zukommen und mache dich stark als dein Schöpfer gegen alle Bedrohung.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Das heißt: Licht und Klarheit gehen von Gott aus. In Jesus Christus schaut er dich an, sodass du dich selbst erkennst und deine Verbindung zu ihm neu begreifst – ohne Erschrecken, voller Gnade.

Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Das heißt: Gott bleibt dir liebend zugewandt. Sein Heiliger Geist stattet dein Leben vollumfänglich mit Schalom aus – mit einem Frieden, der höher ist als alle Vernunft.

Für immer gesegnet

Die Bitte um Segen und das Empfangen von Segen ist eine Vertrauensübung. Eine Hilfe bei der Bewältigung von allem, was wir im Leben nicht kontrollieren können. Wir Menschen können diesen Segen nicht herstellen. Wir empfangen ihn in einer vertrauenden Gemeinschaft und geben ihn weiter. In ihm zeigt sich Gottes Zuwendung voller Kraft und Überfluss. Ein Mehr an Gutem, trotz allem, was uns in der Welt Angst macht.

Rachel Naomi Remen schreibt am Ende ihrer Erinnerung:

„Mein Großvater starb, als ich sieben Jahre alt war. Ich hatte bis dahin nie in einer Welt gelebt, in der es ihn nicht gab, und es war schwer für mich, ohne ihn zu leben. Er hatte mich auf eine Weise angesehen, wie es sonst niemand tat, und er hatte mich bei einem ganz besonderen Namen genannt – ‚Neshumele‘, was ‚geliebte kleine Seele‘ bedeutet. Jetzt war niemand mehr da, der mich so nannte.

Zuerst hatte ich Angst, dass ich einfach verschwinden würde, wenn er mich nicht mehr sehen und Gott erzählen würde, wer ich war. Aber mit der Zeit begann ich zu begreifen, dass ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gelernt hatte, mich durch seine Augen zu sehen. Und dass einmal gesegnet worden zu sein heißt, für immer gesegnet zu sein.“

Einmal gesegnet – für immer gesegnet. Darauf dürfen wir vertrauen.

Amen.

Geist Gottes ein Spiegel

Joh 16,5-15 Exaudi Eyb 17.5.26 Geist Gottes ein Spiegel

Predigt zu Johannes 16, 5–15 (Exaudi)

Bibeltext (BasisBibel): „5 Aber jetzt gehe ich zu dem, der mich beauftragt hat. Und keiner von euch fragt mich: ›Wohin gehst du?‹ 6 Vielmehr seid ihr traurig, weil ich das zu euch gesagt habe. 7 Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, kommt der Beistand nicht zu euch. Aber wenn ich fortgehe, werde ich ihn zu euch senden. 8 Wenn dann der Beistand kommt, wird er dieser Welt die Augen öffnen – für ihre Schuld, für die Gerechtigkeit und das Gericht. 9 Ihre Schuld besteht darin, dass sie nicht an mich glauben. 10 Die Gerechtigkeit zeigt sich darin, dass ich zum Vater gehe – dorthin, wo ihr mich nicht mehr sehen könnt. 11 Das Gericht bedeutet, dass der Herrscher dieser Welt schon verurteilt ist. 12 Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber das könnt ihr jetzt nicht ertragen. 13 Wenn dann der Beistand kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen. Denn was er sagt, stammt nicht von ihm selbst. Vielmehr sagt er das weiter, was er hört. Und er wird euch verkünden, was dann geschehen wird. 14 Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen: Denn was er euch verkündet, empfängt er von mir. 15 Alles, was der Vater hat, gehört auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was der Geist euch verkündet, empfängt er von mir.“


Liebe Gemeinde,

der Geist Gottes ist der Geist der Wahrheit. Jesus verspricht ihn uns als Beistand. Dieser Geist ist wie ein Licht, das in unser Leben leuchtet, oder – um ein anderes Bild zu gebrauchen:

Er ist ein Spiegel.

 In ihm erkennen wir, wer Jesus für uns ist, wie Gott über uns denkt und schließlich: wer wir selbst sind.

Etwas überspitzt möchte ich sagen:

Der Heilige Geist ist als Geist der Wahrheit ein Spiegel, in dem ich erkenne, wie Gott mich sieht!

Ich habe heute einen Spiegel mitgebracht. Ein ganz alltäglicher Gegenstand. Doch wenn wir genauer hinsehen, hat er viel mit unserem Glauben zu tun.

1. Der Blick am Morgen: Wer bin ich?

Jeden Morgen ist er einer der ersten, dem wir begegnen: der Spiegel im Badezimmer. Ich sehe hinein und frage mich: Was nehme ich wahr? Kann ich mir selbst überhaupt in die Augen schauen?

Oft führen wir dort stille Selbstgespräche: „Du wirst alt.“ „Du siehst müde aus.“ „Du wirkst heute so niedergeschlagen.“ Oder, an guten Tagen: „Du bist ganz okay.“

Doch im Spiegel sehen wir nicht nur die Haut und die Haare. Er wird zum „Spiegel der Seele“. Manchmal fällt uns der Blick schwer. Nicht wegen der Falten, sondern weil wir uns selbst nicht gefallen. Uns fällt ein, was wir gestern gesagt haben, wie wir uns verhalten haben. Wir fühlen uns unwohl in unserer Haut.

Es gibt Spiegel, in die schauen wir gerne: Da stehen wir gut da, da glänzen wir. Und es gibt Spiegel, die wir meiden. Den Blick in den Abgrund des eigenen Herzens würden wir oft gar nicht überleben, wenn wir dort nur auf uns allein gestellt wären.

2. Die Spiegel der anderen

Jeden Tag halten uns auch andere Menschen einen Spiegel vor. Wir erfahren, wie sie uns wahrnehmen – mal schmeichelhaft, mal schmerzhaft. Manchmal müssen wir uns vor diesen Spiegeln schützen. Entweder, weil die Wahrheit über uns noch zu weh tut, oder weil der Spiegel der anderen die Wirklichkeit verzerrt: „Nein, so bin ich nicht! Du siehst mich falsch!“

3. Wenn wir den Spiegel halten

Umgekehrt halten auch wir anderen den Spiegel vor. Das erfordert Mut: Mut zum Lob, aber auch Mut, Unangenehmes anzusprechen. Doch das können wir nur dann aufrichtig tun, wenn wir auch unsere eigenen Schattenseiten kennen. Die Grenze dabei ist immer die Würde des anderen. Ein Spiegel soll klären, nicht zerschlagen.

4. Die Frage nach der Identität

Mitten in diesem Spiegelkabinett des Alltags taucht plötzlich die Frage auf:

Wer bin ich eigentlich?

Dietrich Bonhoeffer hat diese Zerrissenheit in seinem berühmten Gedicht aus der Haft beschrieben:

Bonhoeffers Gedicht: Wer bin ich?  Mit Spiegel in der Hand vorlesen

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott

„Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?

Bin ich beides zugleich?“

Manchmal bin ich hin- und hergerissen zwischen meinen Gefühlen und weiß einfach nicht, wie ich mit mir selber dran bin. Ich kann mich nicht einschätzen. Ich weiß nicht, was ich von mir halten soll. Ich sehe meine guten, starken Seiten, ích sehe aber auch meine schlechten, schwachen Seiten. Wer bin ich?

„Wer ich auch bin, Du kennst mich,

Dein bin ich, o Gott!“

Das ist eine Entdeckung, die ich ganz plötzlich machen kann, wenn ich in den Spiegel gucke. Ich sehe meine starken Seiten. Ich sehe meine schwachen Seiten.Ich ahne sogar Seiten an mir, die ich jetzt noch noch ertragen kann, mir anzugucken. Sie wären tödlich für mich. „Wer ich auch bin. Du kennst mich. Dein bin ich, oh Gott!“

5. Der Geist der Wahrheit als göttlicher Spiegel

Genau das meint unser Predigttext. Jesus spricht vom Heiligen Geist, der uns die Augen öffnet. Er nennt ihn den „Geist der Wahrheit“.

Jesus sagt: Dieser Geist wird die Welt überführen von Schuld, Gerechtigkeit und Gericht. Das klingt zunächst hart, fast wie eine Drohung. Aber im Bild des Spiegels wird es heilvoll:

  1. Schuld: Der Geist zeigt uns im Spiegel, wo wir ohne Gott leben (V. 9). Er zeigt uns die Wahrheit über unser Verfehlen, aber er lässt uns damit nicht allein.
  2. Gerechtigkeit: Er zeigt uns, dass unsere Gerechtigkeit nicht aus uns selbst kommt, sondern davon, dass Jesus zum Vater gegangen ist (V. 10). Wenn wir in den „Geist-Spiegel“ schauen, sehen wir nicht unsere Leistung, sondern Jesu Liebe.
  3. Gericht: Er zeigt uns, dass das Böse in der Welt nicht das letzte Wort hat (V. 11).

Das sind Sternstunden in unserem Leben: Wenn wir in den Spiegel schauen und plötzlich mehr sehen als nur unser müdes Gesicht oder das, was die Leute über uns reden. Wenn wir erkennen: „Wer ich auch bin: Du kennst mich. Dein bin ich, o Gott!“

Diese Erkenntnis können wir nicht erzwingen. Sie ist ein Geschenk des Heiligen Geistes. Paulus schreibt: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht.“ (1. Kor 13,12).

Aber dieses „Dann“ beginnt schon heute. Gott schaut uns schon jetzt mit liebenden Augen an. Er hält uns seinen Geist entgegen. Und was sehen wir darin?

Ich bin von Gott geliebt und angenommen um Jesu willen.

Ernesto Cardenal sagte einmal:

„Wir sind nur Spiegel Gottes, geschaffen, um Gott in uns aufzunehmen. Das Wasser kann noch so trübe sein, aber auch so widerspiegelt es den Himmel.“

Liebe Gemeinde, lassen wir uns vom Geist der Wahrheit leiten. Wenn Sie heute Abend vor dem Schlafengehen noch einmal in den Spiegel schauen, dann denken Sie daran: Hinter Ihrem Spiegelbild steht noch ein anderes Bild. Das Bild, das Gott von Ihnen hat.

Egal, wie trübe das Wasser Ihres Lebens gerade sein mag: Sie sind Gottes Kind. Ihr Gesicht ist dazu bestimmt, Gottes Liebe widerzuspiegeln.

Amen.

Ein meditativer Segen (Poetisch)

Gott segne dich.

Er sei wie ein Licht in deiner Kammer,

wie ein Brot für deinen Hunger

und wie ein Wort in deinem Schweigen.

 Er bewahre deine Füße auf dem Weg des Friedens

und halte deine Seele geborgen in seiner Hand.

Gehe hin im Vertrauen: Der dreieinige Gott weiß, was du bedarfst.

Amen.

Vaterunser miteinander gebetet

Vater unser. Du bist unser Vater, dir verdanken wir unser Leben. Dir sagen wir, worauf wir hoffen, wonach wir uns sehnen, wovor wir uns fürchten.

Geheiligt werde dein Name. Wir hoffen darauf, dass deine Liebe die Welt verwandelt. Verwandle uns, damit wir deine Liebe zeigen.

Dein Reich komme. Wir sehnen uns danach, dass sich Gerechtigkeit und Frieden küssen. Schaffe deinem Frieden Raum, damit die Sanftmütigen das Erdreich besitzen.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Wir fürchten uns davor, dass Leid und Krankheit kein Ende haben. Heile die Kranken und behüte die Leidenden.

Unser tägliches Brot gib uns heute. Nicht nur uns, auch denen, die verzweifelt nach Hilfe rufen, die vor den Trümmern ihres Lebens stehen und sich vor der Zukunft fürchten. Du bist die Quelle des Lebens, verbanne den Hunger.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Öffne unsere harten Herzen für die Vergebung. Öffne die Fäuste der Gewalttäter für die Sanftmut. Lenke unsere Füße auf den Weg des Friedens. Versöhne uns und alle Welt.

Führe uns nicht in Versuchung. Dein Wort ist das Leben. Du kannst unsere Herzen verschließen vor Neid, Gier und Hochmut. Halte uns ab von Hass und Gewalttätigkeit. Bewahre uns vor den falschen Wegen!

Erlöse uns von dem Bösen. Öffne unsere Augen, damit wir das Böse hinter seinen Verkleidungen erkennen. Lass uns dem Bösen widerstehen und befreie alle, die in der Gewalt des Bösen gefangen sind.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Du rufst uns beim Namen. Du siehst uns – wo wir auch sind: am Küchentisch, in der Kirchenbank, in unseren Kammern. Bei dir schweigen Angst und Schmerz. Auf dich hoffen wir heute und alle Tage. In Jesu Namen vertrauen wir uns dir an.

Amen.

Das Vaterunser als Vorratskammer

Predigt zu Mt 6, 5-15 zum Sonntag Rogate, 9.5.26 Flachslanden


5
»Wenn ihr betet,

macht es nicht wie die Scheinheiligen:

Sie stellen sich zum Beten gerne

in die Synagogen und an die Straßenecken –

damit die Leute sie sehen können.

Amen, das sage ich euch:

Sie haben damit ihren Lohn schon bekommen.

6Wenn du betest,

geh in dein Zimmer und schließ die Tür.

Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.

Dein Vater, der auch das Verborgene sieht,

wird dich dafür belohnen.

7Sprecht eure Gebete nicht gedankenlos vor euch hin

wie die Heiden!

Denn sie meinen,

ihr Gebet wird erhört, weil sie viele Worte machen.

8Macht es nicht so wie sie!

Denn euer Vater weiß, was ihr braucht,

noch bevor ihr ihn darum bittet.

9So sollt ihr beten:

Unser Vater im Himmel,

dein Name soll geheiligt werden.

10Dein Reich soll kommen.

Dein Wille soll geschehen.

Wie er im Himmel geschieht,

so soll er auch auf der Erde Wirklichkeit werden.

11Gib uns heute unser tägliches Brot.

12Und vergib uns unsere Schuld –

so wie wir denen vergeben haben,

die an uns schuldig geworden sind.

13Und stell uns nicht auf die Probe,

sondern rette uns vor dem Bösen.

[…]

14Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt,

dann wird euer Vater im Himmel euch auch vergeben.

15Wenn ihr den Menschen aber nicht vergebt,

dann wird euer Vater euch

eure Verfehlungen auch nicht vergeben.«

Die Vorratskammer des Herzens

Der volle Keller und die leere Angst

Erinnern Sie sich noch an die Zeit der Hamsterkäufe? Nudeln, Konserven und natürlich das Klopapier. Viele von uns haben Vorräte angehäuft, um sich in der Krise sicher zu fühlen. Ein voller Keller beruhigt die Nerven, wenn die Welt draußen Kopf steht.

Doch Jesus sagt etwas Überraschendes über das Beten:

6Wenn du betest,

geh in dein Zimmer und schließ die Tür.

Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. BB

„Wenn du betest, geh in dein Kämmerlein.“ L

 Mit diesem „Kämmerlein“ meinte er damals die Vorratskammer. Es war der einzige Raum im Haus ohne Fenster – dunkel, kühl, oft unordentlich und vollgestopft mit allem, was man zum Überleben braucht. Ein Ort, den man nur kurz betritt, um sich zu stärken.

Gott sitzt auf dem Kartoffelsack

Jesus lädt uns ein: Nutze dein Gebet wie einen Gang in deine Vorratskammer. Bete wo es ruhig ist und niemand dich sieht. Beten ist kein Schaulaufen vor anderen. Es ist die kurze Unterbrechung des Alltags.

In unseren „Herzenskammern“ sieht es oft genauso aus wie in einer Abstellkammer: Es ist unaufgeräumt. Da stapeln sich alte Ängste, Sorgen und Kisten, die wir lieber nicht öffnen wollen. Aber das Erstaunliche ist: Gott ist schon da. Er hockt quasi in der Ecke auf einem Sack Kartoffeln und wartet auf uns. Er braucht keine langen Erklärungen oder Analysen. Er sagt einfach: „Ich weiß schon, was du brauchst.“


Das Vaterunser: Ein Blick in die Vorräte Gottes

Wenn uns die Worte fehlen, hat Jesus uns ein Gebet geschenkt, das selbst wie eine Vorratskammer ist. Darin findet sich alles, was wir zum Leben brauchen:

1. Vater unser im Himmel

Dieser Anfang ist wie die Türschwelle zur Vorratskammer. Jesus sagt: Du darfst Gott „Abba“ nennen – Papa. Das klingt nach bedingungsloser Geborgenheit.

Doch ich weiß auch: Für viele ist das Wort „Vater“ kein Anker, sondern eine Hürde. Die Liedermacherin Claudia Mitscha-Eibl hat diesen Zweifel einmal so ausgedrückt:

Da ist kein Vater oben, der mein Schreien hört. Da ist kein streng erhobener Finger, aber auch kein Arm, der mich schützt. Da war nie eine Mutter, die mich zärtlich tröstet; keine Hand, die meinen Schritt vor dem Bösen bewahrt.“

Dieser „Abschied vom himmlischen Vater“ ist für viele bittere Realität. Wenn wir heute „Vater unser im Himmel“ beten, dann schwingt das alles mit: Die Sehnsucht nach Geborgenheit genauso wie die kühle Distanz oder für manche die schmerzhafte Erfahrung, dass da oben vielleicht niemand ist, der eingreift. In dieser ersten Zeile steckt die ganze Palette unseres Lebens: vom felsenfesten Glauben bis hin zur Leere.

Aber das Wichtige ist: Alles, was in dir hochkommt – deine gemischten Gefühle, dein Wut , deine Zweifel – all das hat Platz in dieser Herzenskammer. Du musst beim Beten nicht so tun, als hättest du ein perfektes Gottesbild. Das hat niemand. Wir dürfen uns einfach für einen Moment an Jesus dranhängen und in sein Vertrauen hineinschlüpfen.

Vater unser..

2. Geheiligt werde dein Name

Gottes Name bedeutet: „Ich bin da.“ In Zeiten von Panik ist das die wichtigste Vorratshaltung überhaupt. Gott sich im Leben „heilig zu halten“ heißt, sich daran zu erinnern: Gott ist da, auch wenn wir ihn gerade nicht spüren. Es ist wie das kleine Licht in der dunklen Kammer, das von selbst angeht oder von uns angezündet wird. Es mag klein sei, vertreibt aber die Schatten der Angst.

3. Dein Reich komme, dein Wille geschehe

Was Gott will, ist klar: Gott will, dass sein Reiche komme. Gott will, dass überall Menschen heil werden an Leib und Seele. D Gott will, dass das Leben gelingt und zur Erfüllung kommt. Gott will nur eines: Dass die Liebe zur Vollendung kommt und das wird sie.

Jesus ist zutiefst in dieses Gottvertrauen eingetaucht: Was Gott will, geschieht und setzt sich durch.

Aber gleichzeitig machen wir alle doch auch gegenläufige Erfahrungen: Gottes Wille geschieht ganz offensichtlich nicht. Wir brauchen nur an die Kriege denken, die Menschen wollen, Gott aber will keine Kriege und keine Gewalt.

.Wir erleben oft Ohnmacht: Krankheit, Leid und Krieg. Wenn wir beten „Dein Wille geschehe“, ist das kein resigniertes Schulterzucken, sondern ein Protest! Wir halten damit an der Hoffnung fest: Gottes Liebe behält das letzte Wort. Sein Friedensreich beginnt mitten unter uns, jetzt schon überall dort, wo Menschen einander vergeben und heil werden.

4. Unser tägliches Brot gib uns heute

Diese Bitte ist das Gegenteil von Hamsterkäufen. Wir bitten nicht um Vorräte für zehn Jahre, sondern um das, was wir heute brauchen. Gib uns das, was wir heute brauchen. Das erfordert Mut. Wer darauf vertraut, es wird schon für heute reichen, wird auf einmal ruhig und gelassener. Es reicht für alle. Dieses Gebet macht uns frei vom „Massen-Wahn“ des Raffens und macht uns bereit zum Teilen.

5. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Wir werden aneinander schuldig. Das ist Tatsache. Wohin damit? Schuld ist wie giftiger Abfall, den wir in den hintersten Ecken unserer Herzenskammer lagern. Dieser giftige Abfall verpestet die Luft und macht uns schwerfällig. Vergebung geschieht, wenn die Schuld entsorgt wird und die Kammer ordentlich durchlüftet werden. Die Wirkung: Wenn wir Gott um Vergebung bitten, lassen wir zu, dass er den Müll aus unserem Herzen rausbringt. Und wenn wir anderen vergeben, schneiden wir die alten Fäden durch, die uns an die Verletzungen der Vergangenheit binden. Vergebung ist kein Almosen an den anderen. Vergebung ist keine gönnerhafte Geste an den anderen, sondern ein Geschenk an uns selbst: Wir werden wieder frei.

6. Und führe uns nicht in Versuchung,

Bei dieser Bitte sind wir ehrlich: Auch in den frömmsten Herzenskammern gibt es dunkle Ecken. Auch bei uns. Jeder Mensch hat seine Schattenseiten.

Darum führe uns nicht in Versuchung.

Es gibt auch für uns Christen die Versuchung, die Hoffnung aufzugeben oder bitter zu werden. Wir bitten Gott: „Lass mich in der Dunkelheit nicht allein. Hol mich raus, wenn ich mich in meinen eigenen Abgründen verirre.“

7. Erlöse uns von dem Bösen.

Ja, es ist gut, wenn wir uns das bewusst machen: Das Böse versteckt sich auch bei uns versteckt in dunklen Ecken unserer Herzens. Das Böse ist in eurer Kammer da, auch wenn ihr es verdrängt. Das Böse gibt es auch in uns und auch in mir.

Es ist da. Es ist in uns da. Es steckt in uns, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Sogar in den frömmsten Menschen steckt das Böse, das macht das Ganze auch so gefährlich.

Auch dann und gerade dann, wenn ich es doch gut meine, kann das Böse in mir sich entfalten.  

Darum erlöse uns von dem Bösen, das auch in uns steckt.

Nicht alles in diesem Gebet brauchen wir zu allen Zeiten in unserem Leben. Aber in diesem Gebet ist alles aufbewahrt, bis wir es brauchen.


Fazit

Das Vaterunser ist keine magische Formel. Es ist eine geistliche Vorratskammer. Wenn  wir dieses Gebet, ob öffentlich oder in der Vorratskammer sprechen, räumen wir in unserem Inneren auf. Wir sortieren die Ängste aus und stellen das Vertrauen nach vorne.

Geht ruhig öfter in diese Kammer. Schließt die Tür zu. Ihr müsst dort nichts leisten. Ihr findet dort alles, was Ihr zum Leben braucht. Gott ist schon da – und er hat den Überblick, ob wir ihm gerade vertrauen können oder nicht.

Gemeinsam mit den frühen Christen in der Urgemeinde beenden wir so das Vaterunser:

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen