Wie man durch Verzicht auf Rache und Vergeltung und einseitiges Vergeben neue Wege gehen kann

05.07.2020   9.30 Trautskirchen 4. Sonntag nach Trinitatis  Röm 12,17-21

Liebe Gemeinde!

„Oh, Entschuldigung, ich habe Sie verletzt! Das wollte ich nicht. Ich habe Sie sogar gedemütigt! Das wollte ich schon gar nicht. Tut mir wirklich leid!“

Das sind Worte, die ich mir gerne vor etwa einem Jahr von einem ganz bestimmten Menschen ganz konkret gewünscht hätte. Niemand von hier.

Es sind Worte, die aber ausgeblieben und nicht gesagt worden sind. Dieser Mensch hatte mich damals ziemlich verletzt und gedemütigt.

Was löst das bei Ihnen aus, wenn jemand Sie verletzt, gedemütigt hat, aber kein Wort der Entschuldigung über die Lippen gebracht hat?

Bei mir hat es erst einmal Hass und Wut ausgelöst. Gefühle, die ich so intensiv nie gekannt hatte. Der Wunsch nach Rache, Vergeltung kam in mir hoch. Hass! Dem zahle ich es heim!

Ich habe dann am eigenen Leib gespürt:  menschliche Gefühle können etwas sehr Aggressives sein. Meine Gefühle diesem Menschen gegenüber waren aggressiv und voller Wut. Gut so, denn dem christlichen Glauben sind Wut und Aggressionen nicht fremd. Leider gibt es in den Kirchen eine lange Tradition, in der aggressive Gefühle verdrängt werden: „Als Christ (und als Pfarrer schon gleich) musst du immer schön lieb und freundlich bleiben, halte dich bloß zurück. Zeige bloß nicht, wie sauer du bist. Schlucke deinen Ärger herunter.“

Oft ist für diese Gefühle kein Platz. Dabei gehört es zu  unserem Menschsein einfach dazu, dass wir auch mal wütend und sauer sind. Diese Gefühle sind da, werden

dann oft eher verdrängt.
Da wird dann lieber heimlich die Faust in der Tasche geballt oder man lässt lieber in der vermeintlichen Anonymität des Internets seinem Hass freien Lauf.
Gut ist es da, dass die Bibel diese aggressiven Gefühle nicht verdrängt, sondern zum Ausdruck bringt. Sie tut es in Worten und Bildern, die uns dabei helfen, unseren Zorn auf Unrecht angemessen auszudrücken und ihn in etwas Positives zu verwandeln.

Röm 12,17-21


Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«.

Wenn man richtig wütend und stinksauer auf jemanden ist, weil dieser Mensch einen schwer gedemütigt hat, tut es richtig gut, sich mal einen der Rachepsalme , z.B. den Psalm 58, herzunehmen, und ihn für sich laut vorzulesen. Ich lese ihn in einer modernen Fassung für uns laut vor:

Ihr Mächtigen, sprecht ihr in Wahrheit Recht?

Wie sieht es in der Welt aus?

Gelten die Menschenrechte?

Gilt Gottes Recht?

Richtet ihr Mächtigen euch danach?

Im Gegenteil: Überall missbraucht ihr eure Macht,  dass unsägliches Leid entsteht

Und überall behandelt ihr Machthaber                             die Menschen wie Dreck.

Die Verletzung der Menschenwürde ist bei euch zur Seuche geworden.

Mein Gott, kannst du solchen Menschen

nicht den Giftzahn ziehen?

O Gott, schlage ihnen die Zähne aus!

Diesen Leuten soll es ergehen wie Schnecken in sengender Hitze! Weg mit ihnen!

Denn solche Leute haben taube Ohren

Und können den Zauber und das Wunder deiner beschwörenden Liebe gar nicht vernehmen.

Ich merke, ich bin auf Vergeltung aus,

ich habe so richtig Rachegefühle.

Aber es ist doch wahr: Die mit eurem Narzismus zerstört doch alles.

Irgendetwas muss doch geschehen,

damit die Welt aufatmen kann und sagen:                 Ja, Gott regiert doch!

 Also, Gott, rechne mit ihnen ab!

Das laute Lesen dieses Rache-Psalmes  hat eine Ventilfunktion. Man kann seine eigene Wut rauslassen und sie Gott vor die Füße werfen. Es ist immer besser, seine Wut nicht gegenüber dem Mitmenschen rauszulassen. Besser ist es, sie Gott hinzuwerfen. Und kann man auch mal in seiner Wut übers Ziel hinausschießen und dem anderen den Schneckentod in der sengenden Hitze wünschen (Psalm 54).

Ähnlich Paulus in unserem Predigttext: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ,Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.‘“

Die Rache gehört Gott. Verzichtet auf Rache und Vergeltung. Gebt dem Zorn Gottes Raum! Ich verstehe das so: Wirf deine Wut, deinen Hass Gott vor die Füße. Ja, wir können Gott unsere Wut und unsere hässlichsten Gedanken hinknallen. Selbst Gedanken, für die wir uns später, wenn wir wieder ruhiger geworden sind, schämen. Gott hält auch die hässlichsten Gedanken aus. Damit sind natürlich unsere aggressiven Gefühle nicht weg. Aber es tut gut, sie laut auszusprechen und mich auszukotzen.

Wenn ich das tue, spüre ich: Gott ist es absolut nicht egal, wie wir Menschen miteinander umgehen. Gott ist das Böse nicht egal. Wenn Kinder missbraucht werden, wenn Frauen geschlagen werden, wenn Menschen erniedrigt werden, ist das böse. Und Gott leidet mit den Menschen, denen Böses angetan wird.  Und Gott ist auch richtig zornig auf die, die seine geliebten Geschöpfe mit Füßen treten.

Zorn Gottes heißt: Der Tag wird kommen, an dem sich die Übeltäter dieser Welt vor Gott für ihre üblen Taten verantworten müssen. Mit dem Glauben an diesen Gott und mit der Hoffnung auf diesen Tag können wir unsere eigenen Rachegelüste loslassen. Mit diesem Loslassen werden wir frei. Wir packen das Leben neu an. Wir begegnen den Menschen, die unsere Feinde sind, neu. Vielleicht schaffen wir es sogar, ihnen auch noch die andere Wange hinzu- halten, weil wir keine Angst mehr vor ihnen haben. Wir werden getragen von einem Gott, den sie leider nicht spüren und den sie vor lauter Hass in ihren Augen nicht mehr erkennen können.

Nun werden wir selten richtige Feinde im Leben haben. Es reicht, wenn es Menschen sind, die mir das Leben schwer machen.  Es fällt mir vielleicht leichter, sich bei diesen Menschen nicht zu rächen, wenn ich mir eines klar mache. Hin und wieder gehöre ich womöglich selber zu den Menschen, die das Leben anderer Menschen schwer machen, bewusst oder nicht bewusst.  Da bin ich dann eigentlich ganz froh, wenn der andere, dem ich womöglich gerade das Leben schwer mache, sich nicht rächt. Da bin ich eigentlich ganz dankbar, wenn der andere, den ich verletzt habe, mich nicht schneidet, sondern womöglich ganz überraschende Schritte tut, damit wir endlich wieder gut miteinander sind.

Und damit bin ich beim letzten Satz des Paulus:

21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Das sagt sich so leicht, aber manchmal ist das schon schwer, in die Tat umzusetzen. Keine Frage, leicht ist das nicht, sich vom Bösen nicht vereinnahmen zu lassen. Und der zweite Schritt ist noch schwerer:  Das Böse mit Gutem zu über-winden.

Wir tun uns auf jeden Fall leichter im Leben, wenn wir daran glauben, dass das Böse am Ende nicht das letzte Wort haben wird. Wir tun uns auf jeden Fall leicht, wenn wir im Konfliktfall uns bewusstmachen: Rache und Vergeltung haben noch nie was Gutes hervorgebracht.

Und wir tun uns auf Dauer leichter, wenn wir aktiv nach guten Wegen suchen, mit denen wir das Böse mit Gutem überwinden können.

Wie habe ich damals meinen Hass, meine Wut, mein Bedürfnis nach Rache überwunden?

Ich hatte richtig damit zu kämpfen, dass dieser Mensch sich nicht entschuldigen konnte oder wollte.

Ein einfaches Wort, wie „Es tut mir leid.“ hätte bei mir lösende Bindung gehabt, wenn dieser Mensch, der mich gedemütigt hatte, dieses Wort mir gegenüber ausgesprochen hätte. Ein einziges Wort der Entschuldigung hätte alles lösen können.

Nun hat dieser Mensch aber dieses einzige Wort der Entschuldigung, aus welchen Gründen auch immer,

nicht über die Lippen gebracht.

Dieser Mensch schwieg und meinte, es wird sich schon weiter von selbst regeln.

Es hätte sich aber nichts von selbst geregelt,

was geblieben wäre, ist eine gestörte Beziehung.

Ich wäre es gewesen, der womöglich dem anderen die Schuld nachgetragen hätte.

Dem anderen wäre es wurscht gewesen.

Ich merkte, wie in mir das Bedürfnis wuchs,

mich aus dem Bann dieser nicht ausgesprochenen Entschuldigung zu lösen.

Ich fasste deshalb einen Beschluss:


Es ist mir ab sofort völlig egal sein,

ob dieser Mensch sich entschuldigen konnte oder nicht.

Ab heute habe ich von meiner Seite einen Schlussstrich gezogen, 

man kann es einseitiges Verzeihen nennen,

aber völlig unabhängig davon,                                              ob dieser Mensch es merkt oder nicht,

ich verzeihe ihm.

Ich verzeihe ihm,

das heißt, sein kränkendes Verhalten wird mich ab sofort nicht mehr kränken.

Ich bin nicht gekränkt.

Ich bin voller Mitgefühl,

weil dieser Mensch, im Gegensatz zu mir,

anscheinend nicht aus seiner Haut kommt.

Ich habe diesen Schritt des einseitigen Verzeihens nicht bereut. Dieser Schritt hat nicht bei dem anderen etwas verändert. Der wusste ja nichts davon. Dieser Schritt des einseitigen Verzeihens hat aber etwas bei mir verändert. Meine Gefühle von Hass und Wut konnte ich Gott vor die Füße werfen. Ich musste sie nicht verdrängen. Und meine bewusste Entscheidung. Ich vergebe diesem Menschen, aber auch ich vergebe auch mir selber, dass ich es zugelassen habe, gedemütigt zu werden, hat mich stark gemacht.

Mich hat diese positive Erfahrung eines gelehrt: Wir Menschen können tatsächlich das Böse mit Gutem überwinden. Wir müssen nicht verharren in Rachegedanken.  Wir müssen nicht verbittern. Schon gar nicht müssen wir unseren Hass und unsere Wut auf Kosten anderer ausleben. Wir können uns unserer Wut bewusstwerden. Wir können unsere Wut Gott vor die Füße werfen. Wir können uns dazu durchringen, zu verzeihen, selbst wenn das Gegenüber nichts davon weiß oder nichts davon hält. Wir Menschen sind fähig, uns nicht vom Bösem  überwinden zu lassen. Und darüber hinaus können wir Böses mit Gutem überwinden.

Zum Schluss möchte ich Ihnen und Euch die Geschichte von dem alten Indianer erzählen, der seinem Sohn am Lagerfeuer von zwei Wölfen erzählt: „Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Der eine Wolf ist böse. Er kämpft mit Neid, Eifersucht, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst. Der andere Wolf ist gut. Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.” Der Sohn fragt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“ Der alte Indianer schweigt eine Weile. Dann sagt er: „Der, den du fütterst.“

Der Kampf zwischen Gut und Böse tobt nicht nur in der Welt. Er findet auch in jedem Einzelnen von uns statt. Auch in uns Christen. Ich wünsche uns, dass wir den Mut aufbringen, den guten Wolf in uns zu füttern.  Amen.

Predigt vom 28.6.20

ttps://soundcloud.com/manfred-lehnert-850999479/micha7wo-ist-ein-gott-wie-du

Von Gott gesegnet Predigt

        יְבָרֶכְךָ יְהוָה וְיִשְׁמְרֶךָ
      
        jewarechecha Adonai vejischmerecha
      
             ‏יָאֵר יְהוָה פָּנָיו אֵלֶיךָ וִיחֻנֶּךָּ
      
         ja’er Adonai panaw eleicha wichuneka
      
         ‏יִשָּׂא יְהוָה פָּנָיו אֵלֶיךָ וְיָשֵׂם לְךָ שָׁלוֹם
      

        jissa Adonai panaw eleicha wejasem lecha schalom
      
    
Sie müssen kein Hebräisch verstehen. Es ist nicht wichtig, wenn Sie von der Predigt nicht alles verstehen und nicht alles behalten. Wenn am Ende des Gottesdienstes dieser uralte und vertraute Segen uns allen zugesprochen wird, ist das Wichtigste am Gottesdienst geschehen. Und wenn Sie nichts als den Segen mit nach Hause nehmen, haben Sie für sich das Wichtigste mitgenommen:

Der HERR segne dich und behüte dich.
 Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
 Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Ich taste mich mit ein paar Fragen an den Segen als Predigttext heran. wer? wem? wann?  Und dann die beiden großen Fragen: was und wer!?!


1. Wer? Wer spricht den Segen?

„Aaronitischer Segen“ heißt dieser Segen. Nach der biblischen Überlieferung im 4. Buch Mose gibt Gott der Herr dem Mose die Anweisung an dessen Bruder Aaron:


6,22 „Und der HERR redete mit Mose und sprach:
23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
24 Der HERR segne dich und behüte dich;
25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
27 Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“


Ein priesterlicher Segen ist das also. Aaron und seine Söhne waren die Priester im alten Israel. Bis heute dürfen bei orthodoxen jüdischen Gottesdiensten nur die „Nachfahren“ der Priester den Segen sprechen, also Männer mit dem Nachnamen Cohen (Cohen = Priester).
Weil es der Segen des Priesters ist. In christlichen Gottesdiensten ist es zum großen Teil auch so: Den Segen spricht im katholischen Gottesdienst nur der katholische Priester, eigens geweiht. Im evangelischen Gottesdienst ist es anders. Da spricht der Pfarrer, die Pfarrerin am Schluss den Segen, oder auch die Lektorin oder der Prädikant. Nach evangelischem Verständnis sind wir alle durch die Taufe zu Priestern geweiht. Im 1. Petrusbrief heißt: „Ihr seid ein königliches Priestertum“. Deshalb kann und darf diesen Segen jeder getaufte Christ“, einer dem anderen zusprechen: „Der Herr segne dich und behüte dich …“!


2. Wem?

Wem? Wem gilt der Segen?  Die biblische Antwort wird uns vielleicht verblüffen und ein wenig schocken: Ganz eindeutig gilt der Segen dem Volk Israel! „So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: … Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“
Der Segen gilt dem Volk Israel. Und in der christlichen Kirche gilt er nicht ohne oder gegen Israel, sondern nur so, dass sich die Christen in dem Juden Jesus von Nazareth mit Israel mitgesegnet wissen. Wir sollten das immer auch mitdenken: Es ist der Gott Israels, Jahwe-Adonai, an dessen Segen wir durch den Juden Jesus teilhaben.  Das sollte uns Christen bescheiden machen. Jede antisemi-tische Äußerung innerhalb von christlicher Kirche raubt uns den Segen. Wir sollten auch nicht vorschnell den aaronitischen Segen trinitarisch auslegen und christlich vereinnahmen. Wir stehen als Christen unter dem uralten jüdischen Segen, den auch der Jude Jesus gesprochen hat.

Und wir sollten auch nicht vorschnell den aaronitischen Segen auf dich und mich als Einzelindividuen beziehen.

Der Segen gilt dem Volk, den Israeliten, der Gemeinde – und  dann schon auch dem einzelnen Menschen dir und mir in der großen Gemeinschaft. Aber der Segen gilt nicht außerhalb der Gemeinschaft. Das „dich“ und „dir“ in diesem Segen ist nach dem hebräischen Sprachgebrauch eine kollektive Anrede. Sie gilt „Euch“ als Gemeinde und „dir“ je als Teil der Gemeinschaft. Also auch, wenn ich jemanden persönlich den Segen zuspreche, auch dann stelle ich ihn in die Gemeinschaft der Gemeinde, in der er den Segen empfängt. Der Segen vereinzelt nicht, sondern verbindet. Segen gibt es nur in der Gemeinschaft.

Wem gilt der Segen? Wem gilt der aaronitische Segen speziell, unser Segen? Er gilt „allem Volk“.
Dieser Segen gilt allen Menschen, jüdisch, christlich, in der Synagoge, in der Kirche  oder daheim. Er gilt ohne Bedingungen, er gilt für das ganze Leben in unserer Zeit und für immer.

3. Wann? Von wann stammt dieser Segen?

Soviel steht fest: Es ist ein  uralter Segen. Diese uralten Segensworte gehören zum ältesten erhaltenen Text des hebräischen Alten Testaments. Sie befinden sich auf zwei winzigen Schriftrollen aus Silber. Diese wurden vor über 40 Jahren bei archäologischen Grabungen unterhalb der südwestlichen Stadtmauer der Altstadt Jerusalems in einem Familiengrab gefunden. Es stammt aus der Zeit, als noch der erste salomonische Tempel stand. Die Silberrollen sind 2600 Jahre alt und damit 400 Jahre älter als die ältesten Bibelhandschriften aus Qumran.

Die Frage hat noch eine andere Dimension: Wann?: Wann wird der Segen im Gottesdienst gesprochen. Er wird immer am Ende des Gottesdienstes ganz am Schluss gesprochen. Er muss nicht mehr ergänzt oder kommentiert werden.


4. Was?
Was wird zugesprochen mit diesem Segen?

  1. Der HERR segne dich und behüte dich.
      
  2. Gott segnet.

Sind wir gesegnete Menschen?

Wo sehen wir etwas von dem Segen Gottes in unserer Gesellschaft?

Wir leben in einer Demokratie. Und trotz Corona-Epidemie leben wir in einer gut gehenden Wirtschaft. Wir haben genug Geld, um Milliarden auszugeben.

Es geht uns gut.

Wir haben Kinder, Enkelkinder, Ehepartner, oder Menschen, zu denen wir jederzeit gehen können. Wir haben ein funktionierendes Gesundheitssystem. Wir leben in einer Welt voller Nahrung, Technik, einer Welt des Überflusses.

Ja, wir sind gesegnet, von Gott gesegnet. Und frage mich, warum wir es sind. Denke ich, an Teile unserer deutschen Geschichte, spüre ich, dass wir es nicht verdient haben, von Gott gesegnet zu sein. Aber wir sind gesegnet.

  • Gott behütet.

… und behüte dich.

Sind wir behütet?

„Bleiben Sie gesund und seien Sie behütet!“ So schreibe ich oft genug und sage es Menschen, wenn wir uns verabschieden. Jetzt in dieser unbehüteten Zeit ist es mir wichtig, mich und die Meinen behütet zu wissen. Gott ist für mich so etwas wie ein Schutz in der Gefahr und Zuflucht in Angst. Gott behütet uns auch vor allem Argen, allem Bösen.

Gerade dann, wenn uns unser Lebensweg zu schwer vorkommt oder wir meinen, nicht mehr zu können, keinen Ausweg und keinen Lichtblick mehr sehen, gerade dann ist es gut,  sich eines bewusst zu machen: Wir sind behütet von Gott. Wenn wir Angst haben, ist Gott da, umgibt uns wie die Luft zum Atmen und stellt sich vor uns in unserer Not.

Ich gebe zu: Manchmal fühle ich mich nicht behütet. Manches ist geschehen, das mich fragen lässt, warum Gott dieses und anderes zugelassen hat. Behütet mich wirklich Gott? Und was ist mit den anderen Menschen, die er offensichtlich nicht behütet hat?

Wie auch immer, ich merke staunend: Es sind mehr Lebensphasen, in denen ich gut behütet war als Phasen, in denen ich mich alleingelassen gefühlt habe. Ja, ich bin ein behüteter Mensch!

Liebe Gemeindeglieder! Es ist natürlich ein Bild, aber ein kraftvolles Bild:  Gott behütet uns alle, er hält seine Hände über uns, um uns zu schützen und zu behüten.

Der zweite Teil des aaronitischen Segens enthält ein ebenso kraftvolles Bild:

B)  Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir….

Es ist ein Bild wie bei einer Audienz beim König: Der König nimmt uns wahr. Nun haben wir keine Erfahrung mit Königen. Stellen wir uns vor, Kanzlerin Merkel kommt vorbei, mit großen Anhang. Für einen Moment sieht sie dich an und grüßt dich freundlich in der Menge.

Ich habe gerade ein Gegenbild vor Augen: Trump wie er triumphierend die Bibel vor einer Kirche hochhält, grimmig in die Menge blickt, nachdem er vorher mit Tränengas die demonstrierende Menschenmenge zur Seite hat räumen lassen.

Wenn Gottes Angesicht über uns leuchtet, schaut Gott uns freundlich an. Der ewige Gott nimmt uns wahr.

Das ist für uns Menschen etwas, worüber wir nur staunen können. Wir sind doch nur Staubkörner und doch nimmt uns der Ewige Gott freundlich wahr.

Wir sind nicht zufällig in dieser Welt. Wir sind keine Laune der Natur. Wir sind gewollt und erwünscht. Das sagen wir uns als von Gott gesegnete Menschen.

…. und sei dir gnädig.

Da geht es um unsere Gottesbeziehung, um Schuld und Vergebung. Wenn Gott segnet, erkennen wir auch Schuld und erfahren Vergebung.

Wenn Gott uns freundlich anschaut, erwärmt sein Blick Gott ist uns gnädig, wenn Schuld uns drückt, lässt er uns aufatmen und macht uns frei. Es ist eine Gnade, wenn Gott uns nicht verschlossen lässt in unserer Schuld, wenn er uns von allem Bösen löst und uns frei macht.

„Gott lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig“: Das ist die Zusage für ein gelingenden Lebens.

  • Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Noch einmal die Rede vom Angesicht Gottes. Gott schaut uns noch einmal an. Unser Gott  sieht dabei, wenn er uns ansieht, unser Leid, all das, was uns im Innersten beschäftigt.

Und Gott hört unser Rufen, selbst wenn wir sprachlos geworden sind.

Gott heilt unsere seelischen Wunden und tröstet uns.

So ist das, wenn Gott uns anschaut. Unser Herz wird still und friedvoll. Schalom, Friede breitet sich in unserem Herzen aus.

Es gibt Momente in meinem Leben, da zieht wirklicher Friede ein. Ich sitze dann da und bin ganz still. Denke nichts mehr, habe keine Wünsche und keine Sorgen mehr. Ich spüre  für einen kurzen, kostbaren Moment der Stille, bis er wieder von der Unruhe des Lebens vertrieben wird. Ich sehne mich danach, irgendwann vollends von diesem Frieden Gottes erfüllt zu sein.

und gebe dir Frieden,

5. Wer?  Wer segnet? In wessen Namen spricht der Segnende den Segen? „Gott der Herr, Jahwe Adonaj segne dich. Es ist der Gott, der sich Mose mit dem Namen Jahwe offenbart hat: „Ich werde bei euch sein!“

Geht mit dem Segen dieses Gottes!

Von Gott gesegnet- Predigt 7.6.20

Pfingstpredigt in fünf Stationen

Lesung 1:

Apg 21 Dann kam der Pfingsttag.

Alle, die zu Jesus gehört hatten,

waren an einem Ort versammelt.

 

 

1.Szene – Das Schweigen der Jünger

Die Jünger sitzen in einem Haus in Jerusalem zusammen. Sie sitzen hier in den letzten Tagen oft. Sie sind sprachlos. Sie schweigen. Was soll man auch noch sagen und miteinander bereden? Sie haben alles schon tausendmal beredet. Es gibt nichts mehr zu sagen. Die Jünger wären gerne woanders. Sie haben miterlebt, wie ihr Anführer, ihr bester Freund, ihr Prophet, ihr Messias gefangen genommen wurde. Wie er ans Kreuz genagelt wurde. Wie er gestorben ist. Sie möchten gerne von der Liebe Gottes erzählen und davon, dass Jesu Leiche aus dem Grab verschwunden ist. Dass der Tod zwar mächtig ist, aber Gottes Liebe noch tausendmal stärker. Aber die Worte bleiben ihnen im Hals stecken, und sie fürchten sich vor den Menschen draußen.

2 Alle, die zu Jesus gehört hatten, waren an einem Ort versammelt.

 

Hier drinnen an diesem Ort waren sie sicher. Es war keine Kirche, die gab es damals ja noch nicht. Aber sie hat sich aus Sicherheitsgründen in ein Haus zurückgezogen.

Sie haben die gleiche Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit wie wir.

 

Wohin gehen wir, wenn eine Krise wie Corona über uns kommt?

Mir ist aufgefallen: Die Menschen gehen heute nicht mehr wie früher vermehrt in die Kirche.  In früheren Zeiten, in Kriegszeiten, in Zeiten des Terrors sind Menschen in Kirchen geflüchtet. Im Dreißigjährigen Krieg etwa waren Kirchen Wehrkirchen mit Kirchenmauern. Unsere Kirche hatte auch ihre Mauern, ein Torgebäude zur Wache usw. In unsicheren Zeiten sind die Menschen in die Kirche geflüchtet. Heute nicht mehr so. Heute haben wir Angst, uns in der Kirche zu infizieren. Die Nähe des anderen ist auf einmal gefährlich. Aber davon abgesehen, beobachte ich, wie Menschen, wenn sie Angst und Sorgen haben, weniger in die Kirche gehen. Aber wohin gehen sie? Wohin gehen wir, wenn alles unsicher wird?

 

In ein Gebäude, das mir vertraut ist, in mein Haus, in meine Wohnung. Da bin ich sicher. Da bin ich sicher, weniger in dieser Kirche, mehr in dem Gebäude, in dem Haus, in dem ich wohne.

Deshalb ziehen wir uns auch in unsicheren Zeiten zurück in unsere Häuser und Wohnungen.

Wenn es heftig gewittert, verschließe ich alle Fenster und lasse den Rollo herunter.

So war es auch, als die Jünger sich nach Karfreitag und Ostern zurückgezogen haben in einem Haus, einem Ort, wo sie sicher waren.

 

 

Was brauche ich gerade, dass ich mich sicher fühle?

Lied 564 , 1

Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft, / die uns verbindet und Leben schafft.[1]  (Kehrvers)

Wie das Feuer sich verbreitet / und die Dunkelheit erhellt, /

so soll uns dein Geist ergreifen, / umgestalten unsre Welt. Kehrvers

 

Lesung 2:

 

2 Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen

wie von einem starken Wind.

Das Rauschen erfüllte das ganze Haus,

in dem sie sich aufhielten.

3 Dann erschien ihnen etwas wie züngelnde Flammen.

Die verteilten sich

und ließen sich auf jedem Einzelnen von ihnen nieder.

4 Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.

 

 

2.Szene – In den Jüngern brennt etwas. Etwas treibt sie an in diesem Mauern.

Die Jünger hören ein Brausen und spüren so etwas wie ein Feuer. In den Jüngern brennt etwas. Etwas treibt sie an in diesem Mauern. Etwas treibt sie aus diesen Mauern.

Es ist ja ein Wunder, dass den Jüngern plötzlich doch noch Worte einfallen.  Es ist ein Wunder, dass sie sich nicht hinter Mauern verschanzen.

An dem Ort, wo sie sich zurückgezogen haben, spüren sie ein Bedürfnis, eine Sehnsucht:

Diese Sehnsucht treibt auch uns um. Wir möchten auf Dauer nicht allein auf uns zurückgeworfen sein. . Wir möchten auf Dauer nicht allein sein. Wir brauchen Menschen, die uns berühren, Menschen, deren Worte uns berühren oder auch Menschen, die durch unsere Worte berührt werden.

Unsere Sehnsucht, zutiefst von etwas oder von jemanden berührt zu werden. Irgendwann wird es doch langweilig, ewig in diesen Mauern zu sitzen. Irgendwann brauche ich etwas, was mich berührt .

Gut, wenn wir Menschen haben, die mit uns wohnen und leben. Gut, wenn wir Menschen an der Seite haben, mit den wir darüber sprechen können, was uns berührt und beschäftigt.

 

Was berührt mich gerade? Was brennt in mir? Was treibt mich an?

 

Auszug Komm heilger Geist 564, 2-3

 

Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft, / die uns verbindet und Leben schafft.[2]  (Kehrvers)

  1. Wie der Sturm so unaufhaltsam, / dring in unser Leben ein. /

Nur wenn wir uns nicht verschließen, / können wir deine Kirche sein. Kehrvers

  1. Schenke uns von deiner Liebe, / die vertraut und die vergibt. /

Alle sprechen eine Sprache, / wenn ein Mensch den andern liebt. Kehrvers

 

Draußen vor der Kirche im Gras

 

Lesung 3:

4b Sie begannen,

in fremden Sprachen zu reden –

ganz so, wie der Geist es ihnen eingab.

5 In Jerusalem lebten auch fromme Juden aus aller Welt,

die sich hier niedergelassen hatten.

6 Als das Rauschen einsetzte,

strömten sie zusammen.

Sie waren verstört,

denn jeder hörte sie

in seiner eigenen Sprache reden.

7 Erstaunt und verwundert sagten sie:

 

»Sind das denn nicht alles Leute aus Galiläa, die hier reden?

8 Wie kommt es, dass jeder von uns

sie in seiner Muttersprache reden hört?

9 Wir kommen aus PersienMedien und Elam.

Wir stammen aus Mesopotamien,

JudäaKappadozien,

aus Pontus und der Provinz Asien,

10 aus Phrygien und Pamphylien.

Aus Ägypten und der Gegend von Zyrene in Libyen,

ja sogar aus Rom sind Besucher hier.

11 Wir sind Juden von Geburt an und Fremde,

die zum jüdischen Glauben übergetreten sind.

Auch Kreter und Araber sind dabei.

Wir alle hören diese Leute

in unseren eigenen Sprachen erzählen,

was Gott Großes getan hat.«

 

12 Erstaunt und ratlos sagte einer zum anderen:

»Was hat das wohl zu bedeuten?«

13 Wieder andere spotteten:

»Die haben zu viel neuen Wein getrunken!«

 

Auslegung 3 Ein Wunder, wenn wir uns verstehen!

Es ist ein Wunder, dass es draußen Menschen gibt, die ihnen zuhören und die sie verstehen. Ganz verschiedene Menschen. Damals waren es Menschen mit verschiedenen Muttersprachen. Diese Verständigungsprobleme kennen wir heute auch gut. Es ist schon schwierig genug, den Menschen neben mir zu verstehen, die Ehemann, die Ehefrau,  die eigenen Kinder bzw. Eltern. Es ist schon schwierig genug, dass über Generationen  hinweg, alt und jung Enkel und Großeltern einander  verstehen.  Aber hier und da gibt es tatsächlich solche Momente, wo wir einander trotz Unterschiede verstehen.

Auch in der Gesellschaft. Die Corona-Epidemie lässt uns zusammenrücken, auf einander Rücksicht nehmen. Wir nehmen einander wahr. Wir fragen: Was brauchst du? Was braucht der Nachbar? Wir begreifen uns auf einmal als Gemeinschaft und Solidarität ist ein gelebtes Wort.

Ach, wie schnell kommen dann auch die, die nichts mitbekommen haben und nichts begreifen wollen und sagen: „Ihr seid doch alle besoffen in eurem Einigkeitswahn. Dabei sind manche selber besoffen von Verschwörungsphrasen und Hassworten.

An Pfingsten haben plötzlich alle einander verstanden, was sie einander sagen wollten. Die Jünger haben die Sprache der Menschen gesprochen. Sie sprechen die Sprache des Herzens, es ist eine Herzenssprache von Mensch zu Mensch:

Der andere spürt: Ich bin gemeint. Ich werde ernst genommen. Mir hört jemand zu. Einander zuhören, ist ein Geschenk des Himmels. Einander verstehen ein Wunder. Daraus entsteht ein gemeinsames Verstehen und gemeinsames Glauben.

 

Lasst mit miteinander das Wunder des Glaubens bekennen mit dem Glaubensbekenntnis von Jörg Zink

Wir glauben an Gott.
Wir sind nicht allein.
Wir sind geborgen.
Wir sind frei.
Wir glauben an den göttlichen Geist,
den Geist der Freiheit,
der uns verbindet
zu der einen umfassenden Kirche.
Wir glauben an Jesus Christus,
der Gott zeigt und vertritt,
der das Reich des Friedens verkündete
und aus Liebe zu uns starb.
Wir glauben, dass Jesus lebt.
Er befreit uns von Schuld,
von Angst und Tod.
Er hilft uns leben.
Wir glauben an den Gott,
der die Welt schafft und erhält,
der will, dass wir mit ihm wirken,
der Welt und den Menschen zugute.
Wir glauben an den lebendigen Gott,
der die Welt vollendet und erneuert,
der auch uns bewahrt und neu schafft
zu unvergänglichem Leben.
Amen.

 

Miteinander gehen: mit einem Wort:

 

Was braucht es, dass wir einander verstehen?   weitergehen

 

Am Brunnen (Türkeiplatz)

 

 Lesung 4  Petrus ergreift das Wort

 

14 Da trat Petrus vor die Menge

und mit ihm die anderen elf Apostel.

Mit lauter Stimme rief er ihnen zu:

 

»Ihr Männer von Judäa!

Bewohner von Jerusalem!

Lasst euch erklären,

was hier vorgeht,

und hört mir gut zu!

15 Diese Leute sind nicht betrunken,

wie ihr meint.

Es ist ja erst die dritte Stunde des Tages.

16 Nein, was hier geschieht,

hat der Prophet Joel vorhergesagt:

17 ›Gott spricht:

Das wird in den letzten Tagen geschehen:

Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgießen.

Eure Söhne und eure Töchter werden als Propheten reden.

Eure jungen Männer werden Visionen schauen

und eure Alten von Gott gesandte Träume träumen.

18 Über alle, die mir dienen,

Männer und Frauen,

werde ich in diesen Tagen meinen Geist ausgießen.

Und sie werden als Propheten reden.

19 Ich werde Wunder tun droben am Himmel.

Und ich werde Zeichen erscheinen lassen unten auf der Erde:

Blut und Feuer

und dichte Rauchwolken.

20 Die Sonne wird sich verfinstern,

und der Mond wird sich in Blut verwandeln.

Dies alles geschieht,

bevor der große und prächtige Tag des Herrn anbricht.

21 Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft,

wird gerettet werden!‹

 

Vierte Szene – Menschen trauen sich, einander von ihren Träumen zu erzählen.

Wir befinden uns draußen  irgendwo draußen vor dem Haus der Jünger. Davor steht eine Menschenmenge. Aus der Gruppe der Jünger löst sich Petrus. Er stellt sich auf eine Holzkiste und beginnt zu predigen: „Nein, wir sind nicht besoffen! Wir erleben gerade, was der Prophet Joel vorhergesagt hat. Joel hat gesagt: Es wird eine Zeit kommen, da wird Gott seinen Geist über uns ausgießen. Da werden eure Söhne und Töchter weissagen.“ Eine junge Frau löst sich aus der Zuhörerschaft und sagt: „Ich sehe eine Zeit, in dieser Corona-Virus ausgerottet sein wird und  die Epidemie endlich vorbei sein wird. Und eine andere Frau sagt: Ich träume davon, dass  kein Kind mehr an Hunger stirbt.“ Die Zuhörer applaudieren. Petrus fährt fort: „Eure Jünglinge sollen Gesichte sehen.“ Ein junger Mann tritt vor und sagt: „Ich sehe lächelnde Gesichter. Lange Feindschaft wird überwunden. Frieden wird ausgehandelt. Und er hält.“ Die Zuhörer klatschen und pfeifen. Petrus redet weiter: „Eure Alten sollen Träume haben.“ Eine Gruppe alter Menschen tritt vor. Einer spricht. „Wir träumen von menschenwürdiger Pflege. Gute medizinische Versorgung für alle. Menschen, die uns wertschätzen.“  Junge Leute treten hervor und antworten: Wir träumen auch davon und dass wir in der Pflege in den Altenheimen anerkannt und wertgeschätzt werden. Die Leute klatschen. Petrus ergreift wieder das Wort: „Wir dürfen Gott und einander ganz offen unsere Träume vom Leben sagen, Träume vom guten Leben einer gelingenden Gemeinschaft, in der es für Menschen selbstverständlich ist, dass sie miteinander teilen, was sie haben.

Was für Träume vom Leben habe ich?

Welche Träume vom Leben haben wir gemeinsam?

Wechsel Am Platz mit der Erdkugel

 

Lesung 5

 

46 Tag für Tag versammelten sie sich als Gemeinschaft im Tempel.

In den Häusern hielten sie die Feier des Brotbrechens

und teilten das Mahl voll Freude

und in aufrichtiger Herzlichkeit.

Kurzauslegung 5  Die erste Gemeinde in Jersualem hat den Traum gelebt, von dem ich vorhin sprach:

Träume vom guten Leben einer gelingenden Gemeinschaft, in der es für Menschen selbstverständlich ist, dass sie miteinander teilen, was sie haben. Sie haben miteinander geteilt. Auch das Brot. Brot ist dabei mehr als das Stück Brot.

Ein Gedicht von Almut Haneberg drückt dies so aus.

 

Das Brot teilen

 

wenn wir jetzt das brot miteinander teilen

dann teilen wir ein stück alltag

was uns aufbaut und kraft gibt

was uns fordert und anfragt

tägliches brot das uns leben lässt

 

wenn wir jetzt das brot miteinander teilen

dann teilen wir unsere sorge um arbeit und zukunft

um frieden und gesichertes leben

tägliches brot das uns mühe bereitet

 

wenn wir jetzt das brot miteinander teilen

dann teilen wir unser leid krankheit und tod

enttäuschung und trauer rückschläge und schuld

als tägliches brot von tränen und schmerz

 

wenn wir jetzt das brot miteinander teilen

teilen wir den dank für das leben

heute zu sein und morgen zu werden

und atmen und wachsen zu können

als brot das uns täglich mut gibt weiterzugehen

 

wenn wir jetzt das brot miteinander teilen

werden wir menschen und feiern das leben

 

Almut Haneberg

 

(M)ein Glaubensbekenntnis

Wie Fische im Wasser sind wir mit Gott verbunden.

Wir sind umgeben von einer höheren Macht, die sich durchsetzen wird.

Wir sind umgeben von einem höheren Willen nicht zur Macht,

sondern zur Liebe.

Wir sind umgeben von einem guten Geist der Liebe,          

der uns bereit macht zu teilen    

und dankbar sein lässt für das was wir haben.

Wir sind umgeben von einem guten Geist der Liebe,                       

der in uns die Bereitschaft stiftet,                 

versöhnt zu leben,                

zu lieben und zu verzeihen.

Wir sind umgeben von einem guten Geist der Liebe,                    

der in uns das Gute weckt und dem Bösen in uns wehrt.

Wir können dieses Urvertrauen Glaube, Gottvertrauen nennen

oder ganz anders.                                 

Es steckt in uns.

Ein tiefes Urvertrauen,                                                                                                                                                    

 das in uns Menschen steckt,                                                                                                                                         

lässt uns glauben                                                                                                                                                   

und dem Leben vertrauen.

Gott sei Dank!

Beten in einer vollen Vorratskammer -Predigt 17.6.20

Das Vaterunser als volle Vorratskammer

Predigt zu Mt 6, 5-15 zum Sonntag Rogate, 17. Mai 2020

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: „Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Ich war die letzten Wochen öfter da drinnen. All die Sachen, die ich am Anfang der Krise gekauft habe, sicherheitshalber gekauft habe: Konservendosen, Nudeln, Milchpackungen, Hundedosenfutter, ja auch das begehrte Klopapier, Schokolade, Bier, Wein. All das habe ich verstaut. Und ich war beruhigt: Ein paar Wochen werden wir schon aushalten, wenn es nichts mehr geben sollte.

Später stellte sich heraus: So schlimm ist es gar nicht. Hamsterkäufe sind unnötig. Man kann alles in Maßen kaufen und braucht es nicht in Massen. Ich selber habe auch schon eingekauft mit Maske. Gibt mehr als genug. So schnell geht uns nichts aus. Beruhigend so eine volle Vorratskammer.

„Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein“, sagt Jesus. Jesus meint die Vorratskammer. Es gab sie zu seiner Zeit in jedem Haus, denn Vorratshaltung war lebenswichtig. Ein Raum ohne Fenster, dunkel und kühl, ziemlich eng und bestimmt nicht besonders aufgeräumt, denn wer guckt da schon hinein. Aber darin ist alles aufbewahrt, was man zum Leben braucht. Man kann sich dort holen, was einen nährt. So wie diese Vorratskammer sollen die Orte sein, an denen ihr betet, sagt Jesus. Ein Teil eures Alltags, eine kurze Unterbrechung, schnell etwas holen und wieder raus. Oder auch einen Moment bleiben, weil ihr was sucht. Und ihr könnt immer sicher sein, es hier zu finden. „Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“

Ich gebe zu, ich habe mich nicht in die Vorratskammer zurückgezogen, um dort zu beten. Das Haus ist mehr als groß und die Kirche ist ja nebenan. Aber im Nachhinein ist mir aufgefallen:

Die vielen Nudeln und Klopapierhamsterkäufe haben mir etwas von der Panik der Leute am Anfang erzählt.

Die auf Vorrat gekauften Konservendosen und Milchpackungen haben davon erzählt, dass unsere Sorge schon berechtigt waren. Es ist gut, wenn Vorrat da ist. Schokolade ist gut für die Nerven. Alkohol macht die Lage erträglicher, man darf sich nur nicht daran gewöhnen.

Unsere Vorratskammern schauen sicher unterschiedlich aus. Der eine hamstert tatsächlich, der andere nimmst leichter. Die eine braucht dies, die andere das. So unterschiedlich die Vorratskammern in unseren Häusern und Wohnungen aussehen, so unterschiedlich schauen auch unsere Herzenskammern aus.

Manchmal schaut es in meiner Herzenskammer so aus: So richtig durcheinander und unaufgeräumt und immer zu voll.

 „Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“

So versteht Jesus also Beten: Im Bild der Vorratskammer: Gott hockt irgendwo in dieser Vorratskammer  in einer Ecke auf einem Sack Kartoffeln. Und er sieht uns sofort, wie wir durch die Tür kommen auch im Dämmerlicht dieser Kammer. Und jedes Mal begrüßt Gott dich und mich mit den Worten: „Ich weiß, was du brauchst“. Gott weiß, was sich hinter dem Vorrat an Konservendosen, Nudeln und selbst Klopapier verbirgt. Gott versteht unsere Sucht auch Schokolade und Alkohol jetzt in diesen Zeiten.  Gott kann bis in unsere Herzenskammern sehen, Gott sieht und spürt die Panik, es könnte nicht langen. Gott sieht und spürt die nutzlose Sorge in Hamsterkäufen aller Art. Gott spürt auch unsere blankliegenden Nerven. Gott sieht auch, wie wir das eine oder andere, mit dem wir nicht fertig werden, verdrängen, diese Kiste ganz hinten, wo sie keiner sieht und wo ich sie irgendwann selbst vergesse. Kein Wunder, dass in meiner Kammer alles so durcheinander und unaufgeräumt und immer zu voll ist.

Gott braucht von uns auch keine langen Erklärungen: Warum  brauchst du das unbedingt? Und warum willst du dir dieses und jenes auf Vorrat kaufen. Er braucht keine langen Erklärungen, wie das sich so anfühlt, wenn plötzlich so eine Epidemie sich ausbreitet. Gott braucht keine Analyse, ob die Lage wirklich so schlimm ist, wie wir fürchten. Mit Gott ist es so, wie wir es uns schon immer insgeheim im tiefsten Herzen wünschen: Wir werden von Gott verstanden und müssen es nicht einmal aussprechen. Wir lassen Gott für einen Moment in unsere unaufgeräumten Herzen schauen. Das ist Beten.  Ob das ist der Vorratskammer oder doch in der Kirche geschieht, ist wurscht.

Beten braucht keine Worte. Aber wenn ihr doch welche braucht, sagt Jesus, wenn ihr beten wollt und nicht so recht wisst, was für Worte ihr da sagen wollt. Wenn euch alle normalen Worte hohl und leer vorkommen, dann nehmt dafür die Worte, die ich euch gebe. Mit diesen Worten könnt ihr ein wenig in euren Herzenskammern aufräumen, wenn ihr wollt.

Also betet: Vater unser im Himmel.

Sprecht langsam und bewusst. Dieses Gebet ist selbst eine Vorratskammer. Es ist alles darin, was ihr zum Leben braucht. Wenn ihr es betet, sprecht ihr mit Gott wie mit einem guten Vater.

Wenn ihr wollt, sprecht mit Gott: Abba, lieber Papa! Sagt Jesus. Ich bete so zu Gott, Ihr dürft so auch zu Gott beten.

Gott mit Papa anzureden, das ist mir ehrlich gesagt zu vertraulich. Ich bete nicht zu Gott Papa. Ich brauche ein wenig Distanz. Auch zu Gott als Vater.

 Ich weiß von anderen, die sagen: „Ich tue mir schwer,  mit meinem leiblichen Vater habe ich schlechte Erfahrungen gemacht oder gar keine Erfahrungen, weil er nie da war. Und deshalb tue ich mir schwer, Gott als Vater anzureden.“

Und ich höre noch jemanden sagen: „Also ich tue mir schwer, überhaupt an einen himmlischen Vater zu glauben:

Ist kein Vater mehr dort oben, der mein Schrein und Flehn erhört. Auch kein Finger, streng erhoben,  und kein Arm, der Schutz gewährt. Eine Mutter nie gewesen, die mich tröstet, sanft und zart. Keine Hand, die vor dem Bösen meinen Schritt bewahrt.

So singt es Claudia Mitscha-Eibl. Abschied vom himmlischen Vater haben viele schon genommen oder tun sich schwer, daran zu glauben.

Die ganze Palette am Gläubigkeit, distanzierter Gläubigkeit, bis hin, es nicht mehr glauben zu können, steckt in dieser Anrede, Vater unser im Himmel.

Ganz egal, was da in euch hochkommt an gemischten Gedanken und Gefühlen, alles darf sein. Vertrauen wir Jesus. Tauchen wir für einen kurzen Moment in sein Gottvertrauen hinein:

 Geheiligt werde dein Name!  Setzt gegen eure Angst und Panik auf seine Nähe. Ich bin da!

Geheiligt werden dein Name, das ist eine jüdische Umschreibung für Gott selbst. Der Name Gottes Jahwe „Ich bin für euch da.“ Es ist, wie wenn ein Kind in der Dunkelheit die Stimme vom Papa oder auch die Stimme von der Mama hört: “Ich bin da. Brauchst keine Angst zu haben.“

Gott ist da, selbst wenn du schon lange aufgehört hast, ihn zu suchen. Du darfst zu diesem Gott, Vater sagen, oder Papa. Gott ist da.

Geheiligt werde dein Name!“ Ganz tief tauchen wir in das Gottvertrauen Jesu ein. Gott ist da. Das ist ihm heilig.

 Dein Reich komme! Setzt gegen eure Angst und Panik auf seine Liebe. Seine Liebe wird sich bei uns, in unserem Leben durchsetzen wird. Was mit Jesus begonnen hat, wird bei uns Wirklichkeit werden: das Reich Gottes ist mitten unter euch! Überall dort, wo Menschen heil werden, überall dort, wo Menschen einander vergeben, überall wo Menschen sich selbst vergessen und die alt vertrauten Wege verlassen, ist Gottes Liebe greifbar nahe.  Also, wenn ihr in eurem Leben die Panik spürt und die Angst, es könnte für euch nicht reichen: Setzt auf seine Liebe, setzt auf sein Reich. Dein Reich komme!

Dein Wille geschehe – wie im Himmel so auf Erden!        Setzt gegen eure Ohnmacht und Hilflosigkeit auf den Willen Gottes!

Was Gott will, ist klar: Gott will, dass sein Reiche komme, dass überall Menschen heil werden an Leib und Seele. Dass das Leben gelingt und zur Erfüllung kommt. Gott will nur eines: Dass die Liebe zur Vollendung kommt und das wird sie.

Jesus ist zutiefst in dieses Gottvertrauen eingetaucht: Was Gott will, geschieht und setzt sich durch.

Aber gleichzeitig machen wir alle doch auch gegenläufige Erfahrungen: Gottes Wille geschieht ganz offensichtlich nicht.

Es ist nicht Gottes Wille, wenn ein Mensch vorzeitig stirbt. Es ist nicht Gottes Wille, an Corona-Virus angesteckt zu Werden. Es ist nicht Gottes Wille, wenn Leid geschieht.

Manche Not bleibt. In diesem Leben geschieht Gottes Wille viel zu oft nicht. Warum das so ist? Am Ende werde ich ihn fragen. Jetzt halte ich an ihm fest, wider allen Augenschein. Wenn ich bete: Dein Wille geschehe, dann ist das manchmal ein Ringen, manchmal ein getrostes Gebet und manchmal eine zornige Klage.

Unser täglich Brot gib uns heute. Wenn ihr das sprecht, sprecht ihr vom Brot, das an jedem Tag da ist und eure Sorgen kleiner werden lässt.

Es gibt Zeiten, da nehme ich mein tägliches Brot für selbstverständlich. Ich weiß, alles ist genug da. Ich brauche mir keine Sorgen darum machen, wie ich den morgigen Tag überleben kann. Das Gebet Unser tägliches Brot gib uns heute macht mich dankbar in Zeiten, in denen es mir gut geht.

Dann gibt es aber auch Zeiten, da fühle ich mich wie abgeschnitten von der Quelle. Das sind Zeiten, in denen mir das tägliche Brot ausgeht. Wie soll ich meine Familie versorgen? Wie soll ich mit dieser Krankheit weiterleben? Wo kommt mein Einkommen her? In diesen Zeiten nimmt mich das Gebet in das Vertrauen Jesu hinein. Sorge dich nicht, denn dein himmlischer Vater weiß, was du brauchst.  Es ist genug für alle da.

Und vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben.

Wenn ihr das betet, sagt Jesus, dann erinnert ihr euch, wie viel wir einander zu vergeben haben.

Wir sind Menschen und werden aneinander schuldig.

Ich verletze dich: manchmal ohne es zu wollen, manchmal nehme ich es auch bewusst in Kauf, um meine Interessen durchzusetzen. Manchmal ist der Schmerz ist groß, den ich bei dir auslöse. Und auch ich trage Wunden an mir, die immer wieder aufreißen, weil du mir weh getan hast.

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – mit dieser Bitte legen wir unsere Wunden und Narben bewusst in Gottes Hand. Wer einem anderen vergibt, gewinnt seine Freiheit zurück. Er ist nicht mehr Opfer, und der andere, der ihm etwas angetan hat, hat keine Macht mehr über ihn. Das Gift, das er im Herzen getragen hat, kann abfließen. Und wer um Vergebung bittet, lässt sich selbst verwandeln. Er lässt sich in die Liebe hineinziehen, die zwischen Tat und Täter unterscheidet. Er übernimmt Verantwortung für das, was er getan hat und zeigt den ehrlichen Wunsch, sich anstecken zu lassen von der Liebe und dem Vertrauen Jesu.

Und führe uns nicht in Versuchung…

Es gibt im Leben Versuchungen, die unser Leben bedrohen. Es ist die Versuchung, das Leben aufzugeben, die Versuchung, den Glauben hinzuschmeißen, die Versuchung, alle Hoffnung aufzugeben, die Versuchung, die Liebe stillschweigend aufzugeben… Und führe uns nicht in Versuchung!

…sondern erlöse uns von dem Bösen.

Ja, sagt uns Jesus, sprecht ruhig und ganz offen von dem Bösen, das sich bei euch versteckt in dunklen Ecken eures Herzens. Das Böse ist in eurer Kammer da, auch wenn ihr es verdrängt. Das Böse gibt es auch in uns und auch in mir.

Es ist da. Es ist in uns da. Es steckt in uns, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Sogar in den frömmsten Menschen steckt das Böse, das macht das Ganze auch so gefährlich.

Auch dann und gerade dann, wenn ich es doch gut meine, kann das Böse in mir sich entfalten.  Darum erlöse uns von dem Bösen, das auch in uns steckt.

Nicht alles in diesem Gebet braucht ihr zu allen Zeiten in eurem Leben. Aber in diesem Gebet ist alles aufbewahrt, bis ihr es braucht. Und an diese Vorräte gehen, das ist Beten.

Amen

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen

Ein Lied in schweren Zeiten -Predigt 10.5.20

Apostelgeschichte 16,23-34  Kantate 10.5.2020 Trautskirchen, Pfarrer Manfred Lehnert

Liebe Gemeindeglieder,

heute feiern wir in unserer Kirche nach sieben langen Wochen erstmals wieder miteinander Gottesdienst. Wenn auch mit Einschränkungen, Abstand, strengen Hygienevorschriften und Maskenpflicht, wir feiern wieder miteinander Gottesdienst. Darüber freuen wir uns alle! Die Corona-Virus-Epidemie hat uns ja inzwischen zwei lange Monate voneinander getrennt, manche fühlen sich direkt eingesperrt in ihren Wohnungen, wie im Gefängnis gefangen in dieser Epidemie, die ja noch lange nicht zu Ende ist.

Als ich vor zwei Wochen erstmals einen Blick auf den Predigttext geworfen habe, war meine Entscheidung schnell gefallen: Diesen Bibeltext nehme ich nicht. Ich nehme die biblische Geschichte aus der Apostelgeschichte, über die ebenfalls am Sonntag Kantate gepredigt wird. Es ist eine Befreiungsgeschichte. Was Menschen fesselt, löst sich, Mauern beben und Menschen werden frei. Eine Geschichte, die zu dem heutigen Tag passt:

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. 27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? 31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Haus, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. [Apg16,23-34]

Liebe Gemeindeglieder aus nah und fern!   

Ich werde die Ausnahme unter uns sein. Ich war im Knast. 7 Jahre war ich im Memminger Gefängnis nebenamtlicher Gefängnisseelsorger. Zunächst war für mich eines eindrücklich: Dieser schwere Schlüsselbund des JVA-Beamten. Nicht ich hatte die Schlüsselgewalt, sondern die Begleitperson. Und eine Tür nach der anderen wurde aufgesperrt und hinter mir wieder zugesperrt. Eindrücklich war für mich, wenn dann hinter mir die Tür zugefallen ist und ich war mit jemanden allein, den ich besucht hatte, allein und  eingesperrt. Ich war abhängig von jemandem, der mir die Tür wieder aufsperrte. 

Der Alltag eines antiken Gefängnisses in unserer Geschichte ist freilich ein anderer als der in den Gefängnissen von heute. Damals wurden die Füße der Gefangenen in einen Block gelegt. Es gab ein innerstes Gefängnis, ein Loch, wo man die schlimmsten Verbrecher hineinge-worfen und an den Füßen gefesselt hatte. Die Aufseher waren harte Kerle, langten auch schon mal hin, wenn einer nicht gespurt hatte.

Paulus und Silas liegen also im innersten Loch des Gefängnisses. Die Füße im Block gefesselt. Es ist kein Licht, zappenduster ist es, kein Licht und keine Hoffnung. Und sie sind unschuldig, sie haben sich nichts zuschulden kommen, außer dass sie kurz vorher einer einfachen Magd den Wahrsagegeist ausgetrieben haben und damit deren Besitzer die Geschäfte vermasselt haben. Erregung öffentlichen Ärgernises, das wird man ihnen vorgeworfen haben.

Ich versuche nun, mich in verschiedene Personen in der Geschichte hinzudenken.

Da ist zunächst Paulus:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in der tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses. Ohne Hoffnung und Lebensmut, unschuldig. Da höre ich auf einmal tief in mir, in meinem Herzen, ein Lied. Und es dringt aus meinem Herzen, aus meinem Mund:“

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Da ist Silas, der Begleiter des Paulus:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in der tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses ohne Hoffnung und Lebensmut, unschuldig. Da höre ich auf einmal, wie mein Mitmensch neben mir , wie Paulus singt In meiner Zelle, die ich mit ihm teile.

Und ich fange an, mitzusingen und mitzubeten:“

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Da ist noch jemand. Neben Paulus und Silas gibt es im Gefängnis noch weitere Gefangene:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in der tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses ohne Hoffnung und Lebensmut, schuldig. Da höre ich auf einmal, wie einer singt. Nein, ich höre, wie zwei singen neben mir in der Nachbarzelle.

Sie singen und beten, um Mitternacht, obwohl es doch aus ist.

Und ich und die anderen Mitgefangenen fangen an hinzuhören, mit zu singen:“

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Von guten Mächten wunderbar geboren…

Es dürfte klar sein, ganz historisch ist das nicht, was ich da mir ausgemalt habe. Natürlich werden Paulus und Silas etwas anderes gesungen und gebetet haben. Von guten Mächten, mein Lieblingslied wurde 1944 im Gefängnis geschrieben. Dietrich Bonhoeffer dichtete es zu Weihnachten 1944. Damals hatte es noch keine Melodie. Seine Worte sind tröstlich: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“


Solche Worte trösten, auch wenn man sie nicht ganz verstehen kann, wenn man sich nicht in einer solchen Lage befindet. Wie kann der Mann solche Worte finden? Denn während Bonhoeffer diese Worte einfallen und er sie notiert, zittern dabei die Wände des Kerkers von den Schreien der Gefangenen. In diesen Monaten bombardierten die Engländer und Amerikaner systematisch Berlin. Die Bomben krachten, die Wachmannschaften hatten sich im Luftschutzkeller in Sicherheit gebracht, aber die Gefangenen in den Zellen eingeschlossen gelassen. Und das fast jeden Tag. „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Singen hilft dabei. Beten, Dichten und Briefe schreiben und Kirchenlieder gegen die Angst. „Ich höre nachts die Ketten der Männer in den anderen Zellen“ schreibt er. Aber dann findet er diese Worte:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Seine Worte rühren bis heute Menschen an, die im Gefängnis ihrer Seele sitzen, und Trost und Hoffnung suchen. Sein Lied rührt uns an. Sein getrostes Sterben vor 75 Jahren mit diesem Gottvertrauen genauso. Das tröstet und gibt uns Mut. Auch wir sind behütet und geborgen, ganz gleich was kommen mag.

Aber zurück zu unserer biblischen Geschichte. Es gibt noch jemanden , in den ich mich hineinversetzen möchte:          Der Gefängniswärter:

„Gefangen in meiner Angst lieg ich zusammengekauert in meinem Bett, meiner tiefsten Zelle meines inneren Gefängnisses ohne Hoffnung und Lebensmut, voller Ängste und Probleme, die mir schlaflose Nächte bereiten.

Mein Leben verbringe ich im Gefängnis, tue meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, mache meinen Dienst nach Vorschrift immer in der Angst, zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Da erwache ich von einem Beben. Die Gefängnismauern beben und die Mauern meines innersten Gefängnisses. Und ich springe auf und merke voller Entsetzen: Die Gefangenen sind frei!

Entsetzt will ich mich schon selbst bestrafen, obwohl ein Erdbeben kein Dienstvergehen ist, Da höre ich Paulus rufen: Tu dir nichts an. Wir sind alle noch da! Zutiefst erschüttert frage ich: Was bringt mich aus dieser für mich furchtbaren Situation heraus? Was muss ich tun, um gerettet zu werden?

Nein, ich habe kein Lied: Von guten Mächten wunderbar geboren… gehört.  Ich habe die zupackende Hand des Paulus gespürt, der mich davor bewahrt, mich umzubringen und dieser Satz von Paulus, der mich aus meiner inneren Gefangenschaft erlöst:

Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!  Das hat mich aus meiner Gefangenlage hinausgeführt in die Freiheit und hin zu Jesus.“

Es gibt einen Weg, auch wenn alles aussichtslos ist. Es wird nicht erzählt, wie es weitergegangen ist, nachdem der Gefängniswärter von seinen Fesseln befreit sich und seine ganze Familie hat taufen lassen. Aber es gibt immer einen Weg, auch wenn es aussichtslos ist. (Denken wir an Dietrich Bonhoeffer).

Liebe Gemeindeglieder!

Unsere Gefängnismauer schauen anders aus. Äußerlich sind es momentan die Viren, die für Abstand und Abschottung, für Quarantäne und tausend Ängste in der Bevölkerung sorgen. Es kann auch eine Krankheit sein, die mich aus dem Alltagsleben herausnimmt. Oder die Angst vor der Arbeitslosigkeit, die jetzt wieder um sich greift.

Unsere Gefängnismauern können auch innerlich sein. Äußerlich bin ich frei, innerlich gefangen in meinen Ängsten und Sorgen, gefangen in dem, was mich bindet und fesselt. Es kann eine Sucht sein, die mich fesselt oder auch mein Gefühl: Ich kann irgendwas irgendwem nicht verzeihen.

Was uns bindet und fesselt, sieht unterschiedlich aus: Unsere Füße sind unbeweglich gemacht, wie wenn sie in einem Block eingeschlossen sind, unsere Hände sind gefesselt, wir können nicht tun, was zu tun wäre. Oder der Mund verschlossen und kein Ton kommt heraus.

Drei Personengruppen habe ich uns vorgestellt, die gefangen sind. Da sind Menschen wie Paulus und Silas, die unschuldig in ihrem Gefängnis sitzen. Sie haben sich für eine gerechte Sache eingesetzt und haben auf einmal Probleme. Da sind Mitgefangene im Gefängnis, die in der Regel schuldig sind. Und da sind Gefängniswärter, die eigentlich genauso wie die Gefangenen unter den Mauern des Gefängnisses leiden. Den ganzen Tag sehen sie keine Blumen, keine Bäume, sie sehen keinen offenen Himmel über sich und sie müssen ausführen, was andere angeordnet haben.

Was können wir tun, ganz gleich in welcher Situation wir gerade sind? Was können wir tun in dieser Corona-Krise?

Wir können ein Lied singen oder ein Lied uns mit den Herzen anhören. Wir können uns von Liedern anrühren und inspirieren lassen. Und manchmal erleben wir es im übertragenen Sinn, dass dabei die Mauern erbeben, die Fesseln von uns abfallen und wir frei sind.

Zugegeben, noch sind wir nicht frei. Noch bestehen Ausgangssperren und gesellschaftliche Einschränkungen. Noch sind wir im Leben von diesen und anderen Dingen gefangen. Aber wir können es erleben, wie sie Stück für Stück von uns abfallen. Am Ende unseres Lebens werden wir frei sein wie auch Dietrich Bonhoeffer am Tag seiner Hinrichtung vor 75 Jahren gefasst gestorben ist, weil er wusste: Jetzt müssen die Häscher und Henker zurückbleiben. Und ich bin frei.

Sein Lied ertönt noch weiter und gibt uns bis zum heutigen Tag Mut und Hoffnung:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. : Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Amen.

Miteinander verbunden in Coronazeiten Predigt Joh 15,1-8

Jubilate, 3.5.20 Onlinepredigt Manfred Lehnert, Pfarrer, Trautskirchen

Johannes 15,1-8: (Lutherübersetzung)

„Jesus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“

Ich bin der Weinstock – ihr seid die Reben.

Dass Jesus so von sich spricht, so einprägsam und doch irgendwie geheimnisvoll, das finden wir nur im Johannesevangelium. Es geht um Verbundenheit. Gott, Jesus und wir Menschen gehören zusammen, das besagt dieses Bild vom Weinstock und den Reben. Wir sind miteinander verbunden.

Dieses Bild vom Weinstock und den Reben ist uns vertraut. Zu vertraut. Wir hören es, kennen wir, haken ab. Wissen wir schon, was das Bild bedeutet: Jesus der Weinstock, wir die Reben, ohne ihn können wir nichts tun.

Aber verlassen wir mal dieses Bild vom Weinstock und den Reben. Die wenigsten haben einen Weinstock im Garten. Das Bild vom Weinstock kann uns wegbringen von dem, was das Bild sagen will. Statt wieder und wieder das Bild vom Weinstock zu entfalten, falte ich das Bild achtsam zusammen, lege es weg und höre hin, wie oft Jesus innerhalb dieses Bildworte vom Bleiben redet. Siebenmal ist vom Bleiben bzw. nicht bleiben die Rede:

„Bleibt in mir und ich in euch.  wenn ihr nicht an mir bleibt.   Wer in mir bleibt und ich in ihm, Wer nicht in mir bleibt   Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, „

Es geht also darum, dass wir in Jesus bleiben und er in uns.

Aber was heißt: In Jesus bleiben? Und wir in ihm bleiben?

Auch das ist natürlich eine Sprachform, die nicht die ursprüngliche Rede Jesu ist. So haben die johanneischen Christen gesprochen, Wir bleiben in Jesus und er in uns.

Es ist schon eine mythische Sprache für Eingeweihte. Oder haben Sie schon mal so geredet: Wir bleiben in Hans Huber und er in uns?

Christen der johanneischen Gemeinden haben sich mystisch in Jesus versenkt. Das ist ihr gutes Recht und ihr ganz persönlicher Glaubenszugang zu Jesus. Auch heute versenken sich Christen in Jesus, wenn sie beten oder ihn anbeten. Orthodoxe Christen vertiefen sich in Ikonenbildern, in Jesusbildern und glauben, auf diese Weise in Jesus zu sein und er in ihnen. Katholische Christen verehren das Herz Jesu. Evangelische beten zum Heiland und Erlöser Jesus und haben sein Kreuz vor Augen.

Wer das nicht mag und nicht kann, wer keine mystischen Zugang zu Jesus findet, kann vielleicht den Zugang finden, den ich und andere Gläubige zu Jesus gefunden haben.

Was heißt: In Jesus bleiben und er in uns?

Es heißt für mich: Mit Jesus in Verbindung bleiben.

In der Hoffnung für alle Übersetzung ist es so übersetzt worden:

„4 Bleibt fest mit mir verbunden, und ich werde ebenso mit euch verbunden bleiben!“

Jesus – Wie können wir mit ihm heute im Jahr 2020 in Verbindung bleiben?

Wie können wir mit ihm verbunden bleiben? Es gibt so viele zeitliche und räumliche Entfernungen. Und wie soll das gehen, bei Jesus bleiben, körperlos, ohne Berührung?

Selbst damals nach Ostern war alles anders als vorher, als sie ihn sehen und berühren konnten. Wie soll das gehen, mit Jesus verbunden bleiben?  Verbunden bleiben?

Jetzt  während der Corona-Krise haben wir es eingeübt, mit unseren Freunden und Familien und Glaubensgeschwistern verbunden zu bleiben, auch wenn vielleicht keine körperliche Verbindung möglich ist.

Wir bleiben miteinander verbunden über die 2 Meter Abstand hinweg. Ohne Händedruck und Berührung bleiben wir über nötige Distanz und notwendigen Abstand hinweg miteinander verbunden.

Wir bleiben miteinander verbunden, ohne dass wir miteinander Gottesdienste gefeiert haben. Wir bleiben miteinander verbunden –   ohne Kirche und Gemeindeleben.

Ich habe an euch gedacht und ihr an mich. Wir haben miteinander geredet, telefonisch oder digital. Wir haben einander von der Ferne gesehen. Wir haben aufeinander gehört. Und achtsam aus der Distanz wahrgenommen, was der andere vielleicht gerade braucht.

Und aus dem miteinander verbunden sein, ist uns Kraft und Lebensfreude erwachsen, das Gefühl, wir sind nicht allein, das Gefühl der Dankbarkeit, da ist Hilfe.

Wir bleiben miteinander verbunden über Entfernungen und Grenzen  und Corona-Einschränkungen hinweg und bekommen Kraft, für das was zu tun ist.

So stelle ich mir auch die Verbundenheit mit Jesus vor.

Über räumliche Entfernungen und zeitliche Grenzen und den über den Sprung des garstigen Grabens von Jahrhunderten hinweg bleiben wir mit Jesus verbunden und bekommen heute Kraft und Lebensfreude, Kraft von ihm, Jesus.

Eine gute Frage ist: Wer ist dieser Jesus, von dem wir Kraft bekommen und mit dem wir in Verbindung bleiben können über Zeit und Räumlichkeit hinweg.

Wer ist dieser Jesus?

Jesus –  Das ist der, der die Frauen nicht ausgrenzt und die Schwachen und Armen nicht übersieht.

Jesus – Das ist der, der sagt: Andere unterdrücken, Macht missbrauchen, ein Oben und ein Unten – so soll es bei euch nicht sein!

Jesus – Das ist der, der Menschen auf Augenhöhe begegnet, ihnen wohltut mit seinen Worten und Taten, ihre seelischen Wunden heilt.

Jesus – Das ist der, der den Menschen von Gott erzählt, von seinem Gott, der die Menschen bedingungslos liebt, und diese Liebe auch lebt.

Jesus – Das ist der, von dem die Menschen sagen, den hat Gott bestätigt durch das, was an Ostern geschehen ist.

Jesus – Das ist aber auch der, der vor 2000 Jahren auf Erden gelebt hat.

Jesus – Das ist aber auch der, den die Kirche jahrhundertelang für sich vereinnahmt hat,

Zum Jesus der Kirchen haben sie ihn gemacht, je nach Bekenntnis. Zum evangelischen, katholischen, orthodoxen Jesus der Kirche haben sie ihn gemacht. Und dabei ist er doch nie dem jüdischen Glauben entfremdet gewesen.

Mit diesem Jesus können wir heute in Verbindung sein durch seinen Geist.

Mit diesem Jesus sind wir heute verbunden durch seinen Geist.

Eine Verbindung kann nicht bestehen, wenn wir Menschen nicht aneinander denken, miteinander reden, aufeinander hören, wenn wir einander nicht besuchen. Ebenso ist es mit der Verbindung mit Jesus. Sie kann nur bestehen, wenn ich auf seine Worte höre und ihnen Raum in meinem Leben gebe.

Wie zeigt sich Verbundenheit in der Zeit der Corona-Pandemie?

Nicht wahr, die letzten Wochen waren hart: Ausgangsbeschränkungen, Kontaktsperre, für manche Quarantäne. Kein Kindergarten, keine Schule, kein Büro, für viele Menschen heißt das auch: keine Arbeit, kein Geld. Andere arbeiten weit über ihre Grenzen, im Pflegeheim oder im Supermarkt. Die einen sind abends nur noch kaputt, andere gehen sich zuhause inzwischen so richtig auf den Geist, und wieder andere sind seit Wochen allein und einsam.  Da ist es schwer, mit anderen Menschen in Verbundenheit zu leben.

Wie bleiben wir verbunden mit denen, die zu uns gehören? Die wir jetzt nicht sehen können. Nicht treffen, nicht in den Arm nehmen. Telefonieren – ja, das mag helfen. Aber doch nicht über eine so lange Zeit. Schwer zu verstehen, dass es gerade jetzt der Abstand ist, die körperliche Distanz, die uns am meisten schützt. Darum suchen wir neue Formen der Nähe:

Von einer kleinen Episode habe ich gehört. Sie hat mir verdeutlicht, wie kreativ und mutig wir sein können, Verbindung aufzunehmen: An Ostern durfte eine Familie ihren alt und dement gewordenen Angehörigen wegen der Corona-Ansteckungsgefahr nicht mehr im Pflegeheim besuchen.  Was haben die Angehörigen gemacht, um mit ihm doch noch in Verbindung zu treten? Mit einer österlichen Kreidebotschaft auf dem Gehweg, und einem nicht ganz erlaubten österlichen Ständchen vor dem Pflegeheim direkt vor dem Balkon des Angehörigen haben sie die Verbindung mit ihm gesucht und gefunden. Das hat dem alten Menschen eine letzte Freude gemacht und wird den Angehörigen vor seinem Tod in kostbarer Erinnerung bleiben: Wir waren verbunden mit ihm.

Und ist es nicht so: Immer dann, wenn wir auf kreative Weise Verbindung mit dem anderen gesucht haben, waren wir glücklich, erfüllt, dankbar, zufrieden und haben Kraft getankt.

So ist es auch, wenn wir auf kreative Weise Verbindung mit Jesus suchen. Wir sind in dem Augenblick glücklich, erfüllt, dankbar, zufrieden und haben Kraft getankt. Seine Worte machen uns Mut, anderen Menschen Worte zu sagen, die ihnen Mut machen. Seine Liebe und Menschenfreundlichkeit steckt an und das ist in Zeiten vom Corona-Virus nichts Gefährliches, sondern im Gegenteil, seine Liebe und Menschen-freundlichkeit steckt uns an, die Menschen zu lieben und sich mit der ganzen Menschheit verbunden zu fühlen. Bleiben wir mit Jesus und den Menschen verbunden. Amen


Fürbitten

Gott, wir sind mit Jesus verbunden. Diese Verbindung schaut ganz unterschiedlich aus.   
Lass uns tolerant sein, wenn wir spüren, wie unterschiedlich verbindlich gelebtes Christsein aussieht.         
Lass uns in unserer Verbindung mit Jesus reifen. Schenke uns durch die Verbindung mit Jesus Kraft, Mut und Hoffnung für die Tage, die nun kommen.

Gott, in deinen Kirchen ist es möglich, dass Menschen eine ganz persönliche Verbindung zu Jesus   finden können. Wir danken dir von Herzen, dass wird bald wieder Gottesdienste feiern können in           unseren Kirchen. Lass uns spüren, wie gut es uns tut, wenn wir gemeinsam beten, auf dein Wort hören und in Verbindung mit Jesus bleiben.
Lass uns die Zeit, in wir wieder Gottesdienst feiern  können, kostbar werden. Gott, wir denken an all die Menschen, die die Verbindung mit dir unterbrochen haben: Vielleicht spüren sie in dieser schweren Zeit, was ihnen fehlt, wenn sie diese Verbindung nicht haben.                         
Lass die Menschen neu den Kontakt mit dir und deiner Kirche suchen. Wir selber sind offen für Begegnungen mit Menschen, die auf der Suche nach verbindlichem Glauben sind.

Gott, wir denken an all die Menschen, die noch nie Halt und Verbindung in ihrem Leben erlebt haben. So viele treiben orientierungslos dahin, finden keinen Halt und vermissen nicht einmal den Halt, den du uns Menschen in schweren Zeiten geben kannst. Lass sie Menschen finden, denen sie vertrauen können,  Christen und Christinnen, die glaubwürdig aus ihrer Verbindung mit Jesus ihr Leben leben. Gott, wir denken an die Menschen, die gerade Kraft brauchen, Kraft und Hoffnung diese schweren Zeiten   zu bewältigen. Die Kranken, die Sterbenden. Lass ihnen Kräfte erwachsen, die ihnen jetzt helfen. Gott, wir sind nicht nur mit Jesus und dir verbunden. Wir sind mit allen Menschen verbunden. Lass uns  diese Verbundenheit mit der ganzen Menschheit spüren. Wir werden still und denken auch an uns selbst, wie es uns jetzt in diesem Moment geht, was wir jetzt gerade brauchen.   

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

Der Gott deines Lebens segne dich und behüte dich!

Der Gott deines Lebens blicke dich freundlich an und sei dir gnädig!

Der Gott deines Lebens wende sich dir in Liebe zu und gebe dir Frieden!

Von der Freiheit eines Sklavenmenschen – Predigt 26.4.20

Misericordias Domini 26.4.2020 Trautskirchen Onlinepredigt Manfred Lehnert, Pfr

Predigt über 1. Petrus 2,21-25

„21 Denn dazu hat euch Gott berufen. Auch Christus hat ja für euch gelitten, und er hat euch ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt. 22 Er hat sein Leben lang keine Sünde getan; nie kam ein betrügerisches Wort über seine Lippen. 23 Beschimpfungen ertrug er, ohne mit Vergeltung zu drohen, gegen Misshandlungen wehrte er sich nicht; lieber vertraute er sein Leben Gott an, der ein gerechter Richter ist. 24 Christus hat unsere Sünden auf sich genommen und sie am eigenen Leib zum Kreuz hinaufgetragen. Das bedeutet, dass wir für die Sünde tot sind und jetzt leben können, wie es Gott gefällt. Durch seine Wunden hat Christus euch geheilt. 25 Früher seid ihr herumgeirrt wie Schafe, die sich verlaufen hatten. Aber jetzt seid ihr zu eurem Hirten zurückgekehrt, zu Christus, der euch auf den rechten Weg führt und schützt.“

Liebe Gemeinde!

25 Früher seid ihr herumgeirrt wie Schafe, die sich verlaufen hatten. Aber jetzt seid ihr zu eurem Hirten zurückgekehrt, zu Christus, der euch auf den rechten Weg führt und schützt.“

So endet der Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief, der uns für heute als Predigttext aufgegeben ist. Heute ist der sogenannte Hirtensonntag, Misericordias Domini, an dem generell an den Hirten Jesus  Christus gedacht wird. Darum dieser Bibeltext, der vom Hirten  und den Schafen redet.

Es ist für uns heute ein ambivalentes Bild, Hirte und Schafe.

Einerseits fallen mir gleich die dummen Schafe ein, zu denen ich mich nicht zähle. Wir sind keine dummen Schafe. Einerseits schauen wir heute das Bild vom Hirten und den Schafen mit anderen Augen an: Wir leben in einer Demokratie, wo es kein oben und unten gibt und jeder gleichberechtigt ist. Und auch in der Kirche sollte es diese Art von Hierarchie, von oben und unten Bischof mit Hirtenstab und Gemeindeglieder als Schafherde nicht geben.

Andererseits haben wir auch heutzutage ein tiefes Bedürfnis, in einer behüteten Welt zu leben: „Bleiben Sie gesund und behütet!“ wünsche ich seit Corona den Menschen, denen ich auf Abstand begegne. Wir haben auch in einer modernen Welt das Bedürfnis nach Orientierung, nach jemanden, der auf uns aufpasst, der klare Anweisungen gibt und sagt, wie es lang geht. Momentan sind wir mit einem Minister-präsidenten Söder damit ganz gut bedient und behütet. Wir brauchen solche verantwortlich führenden Personen auch in einer Demokratie.

Im 1. Petrusbrief spricht der Briefschreiber an Menschen, die gerade Christen geworden waren. Ihr Leben hatte eine Wende genommen. Waren sie aus der Sicht des Briefschreibers zuvor wie die irrenden Schafe gewesen, so haben sie nun einen Hirten: Jesus Christus, einen Bischof für ihre Seelen. So ist es in der Lutherübersetzung formuliert In der neueren Übersetzung wird das Wort Bischof auf treffende Weise so umschrieben: „der euch auf den rechten Weg führt und schützt.“

Das hört sich auf den ersten Blick ganz gut an. Ja, so einen Bischof für meine Seele, der mich in diesen schwierigen Zeiten führt und behütet, kann ich gut gebrauchen. Ich brauche jemanden, der meine Seele behütet und bewahrt.

Dann schaue ich mit dem zweiten Blick etwas genauer hin. Die hier angesprochenen Menschen sind vermutlich Sklaven. Ein paar Verse vorher werden sie als Sklaven angesprochent:

„Ihr Sklaven, ordnet euch euren Herren mit der notwendigen Achtung unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den ungerechten.  1. Petrus 2,18 Hoffnung für alle

Wie das ein Sklave damals gehört hat? Vielleicht so:

„Ich bin schon enttäuscht, wenn ich das so höre. Hat sich nichts am Sklavendasein geändert? Als Sklave gehöre ich meinem Herrn. Mein Herr und Besitzer kann mit mir tun und lassen wie er will. Wenn er sich mir gegenüber anständig verhält, und das nicht nur im Gottesdienst, geht es ja noch. Aber was wenn ich einen wirklich gemeinen Besitzer habe? Der kann sich doch alles erlauben: Er kann mit mir hartherzig umspringen, mich demütigen, mich auspeitschen. Ich weiß nicht, was an diesem Satz christlich sein soll.“

Klar, die Sklaven in der damaligen Zeit wurden in der Regel nicht  dauernd unterdrückt und unmenschlich behandelt. Sie waren ja auch Wirtschaftsgut und der Treibstoff, ohne den die Wirtschaft damals nicht funktioniert hat. So hat man als Sklavenbesitzer schon aus Eigeninteresse sich um seine Sklaven gekümmert.

Aber eines wurde damals als selbstverständlich vorausgesetzt:  Sklaven sind nicht frei. D.h. sie verfügen in keinster Weise über sich. Andere verfügen über ihr Leben und das ist ihr gutes Recht. In einem Sklavenleben fehlt Wesentliches, was wir heute in unserer demokratischen Gesellschaft für ganz normal und ganz selbstverständlich halten: Sklaven haben keine Freiheit, keine Rechte und keine Beschwerdeinstanz, von Selbstverwirklichung einmal ganz zu schweigen.

Aber nun waren sie Christen geworden, diese Sklaven und Sklavinnen. Vielleicht deshalb, weil sie gespürt haben: In diesen Christengemeinden, da gelten andere Maßstäbe. Da sind auch wir  Sklaven als Menschen wert geachtet, da haben auch wir als Sklaven die gleichen Rechte wie alle anderen.

 „Jetzt ist es nicht mehr wichtig, ob ihr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen seid: In Jesus Christus seid ihr alle eins.“ Hoffnung für alle Galater

So etwas lässt die Sklaven aufhorchen: Freiheit! Menschenwürde! Liebe und Wertschätzung! Allerdings zunächst nur in den christlichen Gemeinden.  Diese grundsätzliche Unfreiheit als Sklaven ist in ihrer Lebenswelt nicht völlig überwunden. Im Gegenteil: Hier in den christlichen Gemeinden spürten sie umso deutlicher den schmerzenden Gegensatz zu ihrem Leben als Sklaven. Bei der Arbeit im Alltag waren sie einem  Sklavenbesitzer unterworfen, in den Gottesdiensten der christlichen  Gemeinden waren sie Brüder und Schwestern, gleichberechtigt mit allen anderen Christen, gleichberechtigt auch mit dem eigenen Herrn und Sklavenbesitzer. Der war auf einmal auch ihr Bruder in Christo.

Bei der Arbeit als Sklave erleben sie, wie ihr Leben weiterhin fremdbestimmt und unterdrückt wird. In den Gemeinden begegnen andere Christen, auch höher gestellte Christen ihnen wertschätzend und freundlich: „Du gehörst zu der Schafherde Jesu, du bist in den Augen des guten Hirten ein ganz wertvoller Mensch. Schön, dass es dich gibt.“

Ob sie anständig behandelt oder ausgebeutet werden, ihre Arbeit als Sklave sagt ihnen: Vergiss nicht, du bist nur ein Mensch zweiter Klasse. In den christlichen Gemeinde waren sie in die Gemeinschaft der Christen integriert. Sie gehörten dazu. Das ist ein innerer  Widerspruch.

Auf der einen Seite erleben diese Menschen etwas total Befreiendes: Uns wird unabhängig vom sozialen Stand die Menschenwürde vor Gott und in der Gemeinde zuerkannt. Auf der anderen Seite aber bleibt alles beim Alten. Eine Menschenwürde außerhalb der Gemeinschaft der Christengemeinde gab es scheinbar nicht. „Vergiss nicht,  du bleibst immer noch Sklave. Daran wird sich nichts ändern.

18 Ihr Sklaven, ordnet euch euren Herren mit der notwendigen Achtung unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den ungerechten.                             1. Petrus 2,8 Hoffnung für alle

Diese Anweisung schmerzt, muss im Alltag eines Sklaven schmerzen. Was ist denn nun: Sind wir durch den Glauben an Christus wirklich frei oder bilden wir uns da nur was ein? Werden wir womöglich vom christlichen Herrn und Besitzer verarscht und vertröstet? Wie kann es sein, dass die befreiende Wirkung des Glaubens nur im Quarantänebereich von den paar Gottesdiensten gilt, nicht aber für den Rest meines Daseins? Wie ist es möglich, einerseits zu hören,: Ihr seid durch  Jesus Christus  frei geworden. Und andererseits erlebt man draußen in der Welt die gleiche Unfreiheit wie zuvor? Ihr Sklaven ordnet euch euren Herren unter!

Ich denke mir: Diese Sklaven hatten ein echtes Problem mit ihrem noch jungen Glauben. Der Christenglaube stand gewissermaßen auf dem Prüfstand des Lebens. Was bringt dieser Glaube überhaupt? Ist er wirklich so befreiend oder haben wir uns zu viel von ihm versprochen?

Ich denke, genau das ist der Punkt, an dem wir auch mit unserem eigenen Erleben in heutiger Zeit Zugang finden zum Text. Wir sind zwar, Gott sei Dank, keine Sklaven. Aber einen inneren oder äußeren Widerspruch unseres christlichen Glaubens zur Wirklichkeit kennen wir vielleicht auch. Manchmal erleben wir auch einen himmelschreienden Widerspruch. Mit der Freiheit eines Christenmenschen ist es vielleicht gar nicht so weit her.

Äußerlich gesehen sind wir hier in Europa frei. Oft sind wir aber gebunden von allerlei Ängsten, die uns die Freiheit madig machen.

 Wir können frei wählen und wählen vielleicht gerade die, die uns fesseln und binden wollen. Ich habe die Wahlen in Thüringen im Blick, vor Corona hat es uns ziemlich beschäftigt, wie Afd- Politik ein ganzes Land lahmlegen kann. Und jetzt sind wir lahmgelegt von einem Virus ganz anderer Art. Dem Corona-Virus. Ich weiß, es ging nicht anders. Trotzdem schmerzen die Einschränkungen mich als Demokraten und als Christen. Eigentlich unglaublich, welche Rechte als freie Bürger eingeschränkt oder gar aufgehoben sind. Die Freiheit, hin zu gehen, wohin man will und zu wem man will. Die Freiheit, zu reisen. Die Freiheit, seine Religion und seinen Glauben auszuüben und in die Kirche zu gehen.

All das und mehr sind gesetzlich verbriefte Grundrechte unserer Gesellschaft. Und aufgehoben dürfen diese Grundrechte nur auf Zeit und in einem Katastrophenfall wie der Corona-Epidemie.

Vor Corana lebten wir in einer Gesellschaft mit unglaublichen Freiheiten. Jeder durfte wohnen, wo er wollte, reisen, wie er wollte und sich treffen mit wem auch er wollte. Und auch jetzt während der Coronazeit haben wir immer noch unglaubliche Freiheiten:  Jeder darf denken, meinen und glauben, wie er meint, solange es nicht in die Freiheit des anderen hineingreift.Niemand schreibt uns vor, was wir glauben, was wir meinen was wir tun sollen. Es sind unglaubliche Freiheiten verglichen mit den um einiges kleineren Freiheiten, die Menschen in früheren Jahrhunderten hatten.  

Jetzt während der Corona-Krise werden uns diese Freiheiten wichtig und kostbar. Sie sind nicht selbstverständlich.

Wir erleben auch heute in unserer Gesellschaft Unfreiheit. Es gibt so vieles, was uns binden will, fesseln, die mündige Freiheit als Menschen rauben will. Und manchmal machen wir es den Freiheitsräubern leicht, dass wir irgendwelchen fragwürdigen Leuten hinterher laufen, zu faul sind, uns eine eigene Meinung oder einen eigenen Glauben zu bilden und am Ende wie die Schafe in die Irre gehen Oft genug verlieren Menschen ihre Freiheit aus Angst.

Überhaupt ist Angst der große Freiheitsräuber. Die Angst vor der Vergeblichkeit des eigenen Tuns. Die Angst vor dem Scheitern. Die Angst vor Krankheiten. Die Angst vor Ansteckung durch den Corona-Virus und die Angst vor den Folgen von Corona

Gerade was wir mit Corona gerade erleben müssen, macht eines deutlich: Eine solche Epidemie bringt Träume zum Platzen und verändert Lebensperspektiven oder macht sie plötzlich zunichte.  Auf einmal ist mein Leben eingeengt und unfrei. Und ich sitze eingesperrt in meiner Wohnung und ich frage mich: Wo ist Gott in dieser Corona-Krise? Bin ich wirklich „behütet“? Natürlich kann auch mir etwas passieren. Was bringt mir eigentlich mein Glaube, wenn ich abgeschottet von den anderen keinen Gottesdienst feiern kann? Was bringt mir in dieser Krise mein Glaube?

Was bringt mir mein Glaube? Bringt er mir wirklich die Freiheit? Was für befreiende Möglichkeiten bietet mir der Glaube?

Manchmal eröffnet eine Krise wie die Corona-Epidemie andere Möglichkeiten: Dieses und jenes geht nicht mehr. Ich kann dem Mitmenschen keine Hand geben, von Umarmen ganz zu schweigen. Aber siehe da, auf einmal tun sich ganz andere Möglichkeiten auf. Ein Gruß aus der Ferne lässt mich aufleben. Und dem anderen zu sagen, du bist mir wichtig, geht auch per Whatsapp. Leben und Liebe ist möglich auch und trotz dieser Seuche.

Wir werden sensibel für das, was wirklich wichtig ist. Wir spüren, wie wertvoll gute Worte geworden sind, wenn sie nur von Distanz aus gesagt werden können. Wir spüren, wie tut es uns gut, uns selber als wertvolle Menschen wahrzunehmen, auch wenn wir keine systemrelevanten Menschen sind, auch wenn wir momentan nicht gebraucht werden. Du sitzt allein in deiner Wohnung, kannst nicht raus, bist zu nichts nütze, – und du bist trotzdem wertvoll in Gotte Augen.

Wenn dir das an dem Ort, wo du gerade eingepfercht bist, aufgeht,  dann ist manches vielleicht gar nicht mehr so schlimm.

Die damaligen Sklaven, die frisch Christen geworden sind, werden sich vielleicht in ihrem neuen Glauben so aufgerichtet haben:

„Unser Glaube an Christus hat uns immerhin einen Ort geschenkt, wo wir Freiheit erleben: die Gemeinde vor Ort. Hier darf ich sein, der ich bin!“

Aber wir möchten doch ganz frei sind, keine Sklaven, sondern freie Menschen, nicht nur im Herzen, sondern auch im Recht. Kann man die Sklaverei nicht abschaffen?

Diese Frage war damals allerdings völlig abwegig. Für Sklaven und Herren war das ein völlig abwegiger Gedanke. Sklaverei hat es schon immer in der Gesellschaft gegeben.  Die Freiheit des Glaubens kann sich nur auf Gemeindeebene verwirklichen. Die Sklaverei abschaffen?  Auf den Gedanken sind sie damals nicht gekommen. Frei sind wir nur innerhalb der Christengemeinde.

Aber ein Stachel im Fleisch war der christliche Gedanke von der Freiheit aller Menschen schon damals.

Freiheit nur innerhalb der Christengemeinde, das kann es wohl nicht sein.

Jahrhunderte später, zu Luthers Zeiten haben die leibeigenen Bauern aufgehorcht, als sie Luthers Schrift von der „Freiheit eines Christenmenschen“ vernahmen. Und sie sind nicht dabei stehen geblieben. Sie haben sich nicht geduckt und untertänig als Leibeigene verhalten. Nein sie sind aufge-standen, haben eine Revolution angefacht, den Bauernkrieg mit dem bekannten Ende und auch den unrühmlichen Lutherworten gegen die freiheitssuchenden Bauern. Aber klar war: Gewalt kann keine Lösung sein, die Freiheit zu bekommen.

Das war auch dem Schreiber des Petrusbriefes schon damals klar:  Mit Gewalt und Krieg lässt sich die Versklavung von Menschen nicht abschaffen. Aber wie soll man sich dazu verhalten? Dazu gibt der Briefschreiber des Petrusbrief einen wirklich guten Rat:

„21  Christus hat euch ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt.

Hier trifft die Lutherübersetzung es besser:  „Tretet in die Fußstapfen eures Herrn Jesus Christus“

Bildlich sehen wir die Fußspuren, die Jesus auf dieser Welt hinterlassen hat. Denen können wir einfach nachgehen. Und das heißt dann ja: Wir orientieren uns an dem, was Jesus gelehrt und selbst gelebt hat: Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit. Wir verzichten wie Jesus bewusst auf Drohen und Einschüchtern. 

Jesus ist den Weg der unbedingten Gewaltfreiheit gegangen. Und der Petrusbrief legt es uns nahe, in seine Fußstapfen treten.

Leicht ist das nicht, darin Jesus nachzufolgen. Können wir das, wollen wir das überhaupt? Wer hält schon gern still, wenn er beleidigt wird? Und wer lässt sich schon gern etwas wegnehmen oder etwas antun ohne entsprechend zu reagieren?

Aber genau dieser Weg ist es, der uns Menschen langfristig in die Freiheit führt. Es hat lange gedauert, bis die Sklaverei geächtet und abgeschafft worden ist. Es war der gewaltlose Einsatz von Christen, der dazu geführt hat.

Die Sklaverei ist inzwischen abgeschafft, offiziell wenigstens. Es bleibt trotzdem unsere Herausforderung, auf weltverbreitete Sexsklaverei und Ausbeutung als Christen zu antworten. Auch andere Fragen, gesellschaftliche Fragen tun sich auf und werden uns beschäftigen:

Was können wir in einem nachchristlichen Europa als Christen beitragen, damit unsere Gesellschaft friedlicher und solidarischer wird? Was können wir als Christen tun, damit die Freiheit gewahrt und umgesetzt wird? Uns wird empfohlen in den Fußstapfen Jesu seinen Weg in dieser Gesellschaft weiterzugehen, damit Menschen Freiheit finden. Amen