12.Juli 2026 Flachslanden
Predigttext: Deuteronomium 7, 6–12 (nach der BasisBibel)
Liebe Gemeinde,
eine Wildgans sah einmal ein paar zahme Gänse. So erzählt es der Denker Sören Kierkegaard in einer bekannten Geschichte. Diese Wildgans flog hinunter auf den Bauernhof. Sie wollte den zahmen Gänsen das Fliegen beibringen.
Am Anfang fanden die zahmen Gänse das noch lustig. Aber bald hatten sie genug davon. Die Wildgans nervte sie. Die zahmen Gänse sagten: „Hör auf damit. Wir brauchen das Fliegen nicht. Wir haben es noch nie gebraucht. Wir werden es auch in Zukunft nicht brauchen.“
Die Wildgans glaubte ihnen schließlich. Sie dachte auch, dass Fliegen nutzlos ist. Sie passte sich an. Nach einiger Zeit war aus der freien Wildgans eine zahme Gans geworden. Sie wartete nur noch auf ihr Futter. Das Fliegen hatte sie verlernt. Im Dezember wurde sie geschlachtet. An Weihnachten wurde sie verspeist. Sie hatte einen großen Fehler gemacht: Sie hatte sich den zahmen Gänsen angepasst.
Sören Kierkegaard wollte die Christen damit wachrütteln. Er wollte sagen: Passt auf! Passt euch nicht denen an, die nur dem Namen nach Christen sind. Sie nennen sich zwar so, aber sie können nicht fliegen. Ihnen fehlt das Wichtigste für den Glauben. Als Christ soll man sich vom alten Leben lösen. Man soll abheben vom Boden. Man soll ein neues Leben beginnen. Dort oben in den Lüften genießt man die Freiheit des Glaubens. Es ist ein Leben mit Christus. Wenn ihr euch zu sehr anpasst, verliert ihr am Ende alles.
Manchmal passen wir uns aber nicht den zahmen Gänsen an. Manchmal lassen wir uns vom genauen Gegenteil beeindrucken: von rücksichtsloser Macht. Wir sehen das in unserer heutigen Welt ganz deutlich. Denken wir an Donald Trump. Er zeigt uns einen Lebensstil, der auf puren Druck setzt. Er will Dinge mit aller Gewalt durchsetzen. Regeln gelten scheinbar nur für die anderen.
Erinnern wir uns an das dramatische Fußballspiel der USA gegen Belgien bei der Weltmeisterschaft. Da gab es eine Vorgeschichte: Im Spiel vorher hatten die USA eine Rote Karte bekommen. Das bedeutete: Ihr bester Spieler wäre für das wichtige Spiel gegen Belgien gesperrt gewesen!
Trump tobte. Er wollte diese Entscheidung mit aller Gewalt ungeschehen machen. Also rief er kurzerhand bei der korrupten FIFA an und setzte sie unter Druck. Und tatsächlich: Die FIFA gab nach. Die Rote Karte wurde zurückgenommen! Der beste Mann durfte spielen. Trump dachte, er hätte das Schicksal mit Macht und Druck gezwungen. Er war sich sicher, als Sieger vom Platz zu gehen.
Doch am Ende half alle Trickserei und alle Gewalt nichts: Die USA verloren das Spiel gegen Belgien haushoch. Trump stand trotz seines scheinbaren Triumphs am Ende als Verlierer da.
Diese Geschichte zeigt uns: Wer nur auf die eigene Macht setzt, wer Regeln biegt und Recht mit Füßen tritt, steht am Ende oft mit leeren Händen da. Macht und Lautstärke sind kein Fundament, das hält.
Vor falscher Anpassung – egal ob an die Trägheit oder an die rücksichtslose Macht – warnt auch Mose im heutigen Predigttext. Er hält eine lange Rede an das Volk Israel. Die Israeliten stehen an der Grenze zum versprochenen Land Kanaan. Bald ziehen sie hinüber. Sie wollen sich dort niederlassen. Aber in diesem Land wohnen sieben andere Völker. Und diese Völker verehren andere Götter. Sie leben nach dem Recht des Stärkeren.
Mose sagt: Passt auf! Passt euch diesen Völkern nicht an. Betet nicht ihre Götzen an. Sucht eure Macht nicht in Gewalt und Egoismus. Es kann passieren, dass euch ihre fremden Tempel und ihre scheinbare Stärke beeindrucken. Es kann passieren, dass ihr dort euer Heil sucht. Mose weiß: Das wäre der Anfang vom Ende. Gott beschützt sein Volk nicht, wenn es stolz wird und fremde Götter anbetet. Deshalb redet Mose den Israeliten ins Gewissen.
Du, Israel, bist ein besonderes Volk,
du bist heilig für den Herrn, deinen Gott.
Der Herr, dein Gott, hat dich erwählt:
Als einziges Volk unter allen Völkern der Erde
sollst du ihm gehören.7
Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker,
empfindet der Herr Zuneigung zu euch.
Nicht deswegen hat er euch ausgewählt.
Denn du bist ja das kleinste von allen Völkern.8
Sondern aus Liebe zu euch hat der Herr es getan.
Er hält sich an den Eid,
den er euren Vorfahren
geschworen hat.
Darum hat euch der Herr herausgeführt
Mit starker Hand hat er euch aus der Sklaverei befreit –
aus der Gewalt des Pharao,
des Königs von Ägypten.9
So erkenne nun:
Der Herr, dein Gott, er ist Gott.
Er ist ein treuer Gott und hält seinen Bund.
Die ihn lieben und seine Gebote
befolgen,
erfahren seine Güte noch in tausend Generationen.10
Doch die ihm untreu werden,
zieht er zur Rechenschaft und vernichtet sie.
Ohne zu zögern bestraft er jeden,
der ihm untreu wird.11
Befolge deshalb die Gebote, Gesetze
und Bestimmungen,
die ich dir heute weitergebe.
Handle unbedingt danach!
Das wird geschehen,
wenn du auf diese Bestimmungen hörst,
sie befolgst und danach handelst:
Dann bewahrt der Herr
, dein Gott, den Bund
und hält dir die Treue.
So hat er es deinen Vorfahren geschworen..
Das sind die Worte von Mose. Er sagt sie, bevor das Volk das Land Kanaan betritt. Diese Botschaft gilt auch für uns heute. Wir sind das Gottesvolk der Christen. Wir ziehen zwar nicht nach Kanaan. Aber wir leben auch in einer Gesellschaft. Die Lebenseinstellung um uns herum prägt uns. Oft bringt sie uns weg von Gott. Viele Mitmenschen leben so, als ob es Gott nicht gäbe. Sie gehen in keine Kirche. Sie wissen nichts vom Glauben. Viele Menschen beten heute andere Dinge an. Es gibt den Fußballgott, die politische Macht oder das Geld. Wir leben in einer Gesellschaft, die Gott oft vergisst.
Diese Lebenshaltung kann uns beeindrucken. Man denkt vielleicht: Es muss toll sein, einfach nach Lust und Laune zu leben. Man setzt sich einfach mit Gewalt durch und nimmt auf niemanden Rücksicht. Der allgemeine Lebensstil geprägt von Egoismus und Konsum beeinflusst uns mehr, als wir merken. So lebt m a n eben heute. Dabei verlieren wir leicht den Blick für Gottes Willen. Wir entfernen uns immer weiter von Gott.
Denken wir an das Bild von den Wildgänsen. Es kann passieren, dass wir uns zu sehr anpassen. Dann werden wir zu zahmen, harmlosen Gänsen oder wir machen beim lauten Geschrei der Mächtigen mit. Am Ende verlieren wir unsere Freiheit.
Aber Gott hat uns zu etwas Höherem berufen. Wir sollen Wildgänse sein. Keine zahmen Gänse, aber auch keine rücksichtslosen Raubvögel. Wir sollen Christen sein, die die Freiheit des Glaubens spüren. Keine angepassten Menschen, die das Fliegen verlernt haben.
Gott hat uns einen Platz in seiner Gemeinde gegeben. Hier sollen wir unseren Glauben leben. Er hat uns schon in der Taufe berufen. Seit unserer Taufe sind wir Kinder Gottes. Wir gehören zu Christus und dürfen an ihn glauben.
Wissen wir eigentlich noch, was für ein großes Geschenk das ist? Die Taufe ist eine Zusage Gottes. Sie ist aber auch eine Aufgabe. Wissen wir noch, was es heißt, zu Christus zu gehören? Was bedeutet es, ausgewählt zu sein?
Gott wählt Israel aus. Dabei ist es das kleinste von allen Völkern. Gott wählt eben gerade nicht die lauteste Supermacht. Er sucht sich keine Herrscher, die mit Gewalt alles durchdrücken. Er wählt die Kleinen. Gott geht mit diesem Volk durch die Geschichte. Er schließt einen Bund mit ihm. Er befreit das Volk aus der Sklaverei in Ägypten. Er führt es in ein gutes Land. Gott erwartet aber auch etwas. Das Volk soll sich im neuen Land bewähren. Es soll Gottes Gebote halten. Es soll sich nicht an die Götter der Gewalt und des Eigennutzes anpassen.
Wir wissen: Das Volk Israel ist oft falsche Wege gegangen. Es hat sich oft an die fremden Bräuche angepasst. Die Warnungen von Mose wurden vergessen. Trotzdem hat Gott sein Volk niemals aufgegeben.
Und wie ist das mit uns? Im Neuen Testament steht über uns Christen: „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das heilige Volk.“ Durch Christus gehören auch wir dazu. Durch die Taufe und unseren Glauben sind wir ausgewählt.
Sind wir uns dieser Auswahl bewusst? Ausgewählt zu sein heißt nicht, dass wir besser sind als andere oder dass wir uns über andere erheben dürfen. Nein, Gott hat uns aus reiner Liebe ausgewählt. Es bedeutet: Wir gehören zu seiner Gemeinde. Wir halten zu denen, die auch an ihn glauben. Und es bedeutet: Wir leben so, wie Gott es sich gedacht hat. Weit weg von Ellenbogen-Mentalität und purem Machtstreben. Wir sind ausgewählt. Leben wir auch danach?
Wissen wir noch, was Gott uns heute aufträgt? In der Bibel heißt es: „Achte also auf das Gebot, die Gesetze und die Rechtsvorschriften! Ich verpflichte dich heute dazu, nach ihnen zu handeln.“
Mose wiederholt in seiner Rede die Zehn Gebote. Er tut das, bevor das Volk über den Fluss Jordan zieht. Er will den Israeliten einschärfen: Ihr dürft nur dem einen, wahren Gott dienen. Wer Gottes Segen will, muss sich an seine Gebote halten. Die Gebote sind keine Schikane. Sie sind kluge Lebensregeln. Sie sorgen dafür, dass das Leben in der Gemeinschaft gelingt. Und dass die Beziehung zu Gott gut bleibt. Das Volk soll die Gebote aus Liebe halten. Dadurch unterscheidet es sich von den anderen Völkern.
Das hat damals auch geklappt. Das Volk Israel fiel auf. Zum Beispiel haben sie den siebten Tag der Woche geheiligt. Das war der Sabbat. Überall um sie herum arbeiteten die Menschen die ganze Woche durch. Sie schufteten ohne Pause, um immer reicher und mächtiger zu werden. Nur das Volk Israel arbeitete an einem Tag nicht. Sie feierten ihren Gott und ruhten sich aus. Sie vertrauten darauf, dass Gott für sie sorgt – ganz ohne Gewalt und Dauerdruck.
Für uns gelten Gottes Gebote genauso. Wir haben es genauso nötig. Wir müssen den Sonntag heilig halten. Er darf kein normaler Arbeitstag werden. Es tut uns Christen gut, an einem Tag einfach auszuruhen. Genau wie damals den Israeliten.
Gottes Gebote haben eine wichtige Funktion. Sie holen uns heraus aus dem Alltagstrott und dem endlosen Leistungsdruck. Sie unterscheiden uns vom Verhalten einer oft rücksichtslosen Gesellschaft. Es tut uns gut, wenn wir uns nicht überall anpassen. Nur so können wir die Freiheit der Wildgänse erleben.
Ich habe am Anfang eine Geschichte von Vögeln erzählt. Ich möchte auch mit einer enden:
Vor vielen hundert Jahren kamen die ersten christlichen Missionare nach Deutschland. Damals gab es hier noch tiefe Wälder. Ein Missionar wurde zu einem Stammesfürsten gerufen. Der Fürst wollte wissen: Was ist das für eine neue Lehre? Sie standen in einer großen Halle. In der Mitte brannte ein Feuer. Plötzlich flog ein Vogel durch ein Loch im Dach herein. Er drehte ein paar Runden im Hellen. Dann flog er durch ein anderes Loch wieder hinaus in die dunkle Nacht.
Der Missionar sagte zum Fürsten: „Hast du den Vogel gesehen? Genau so ist dein Leben. Du kommst aus dem Dunkeln. Du weißt nicht, woher. Dann drehst du ein paar Runden hier im Hellen. Danach verschwindest du wieder in der Nacht. Und du weißt nicht, wohin. Ich aber kann dir sagen, woher du kommst. Und ich kann dir sagen, wohin du gehst.“
Das ist das Schöne an unserem Glauben. Das ist das Geheimnis unseres Lebens. Wir wissen, wozu wir berufen sind. Wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Wir müssen uns nicht mit Gewalt durchs Leben kämpfen, um am Ende doch als Verlierer dazustehen. Wir sind berufen, in unserem Leben wirklich frei zu sein. Wie freie Wildgänse, die vertrauensvoll dem Ruf Gottes folgen.
Aus Liebe erwählt, zur Antwort berufen.
Amen.


